Von Elefanten und Eseln

Samstag, 1 Januar 2011, 22:43 | Category : Parteien
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Wer aus Deutschland mit nur mäßigem Interesse auf die amerikanische Politik blickt, für den ist die Sache einfach: Die Demokraten (die mit dem Esel), das sind die Guten, die freundliche Partei, die sich für die kleinen Leute einsetzt, die für Gleichberechtigung, Ökologie und gegen die Macht von Wirtschaftsinteressen kämpft. Die Republikaner (die mit dem Elefanten) hingegen sind die “böse” Partei der Wirtschaft und der reichen Leute, die für hinterwäldlerische Intoleranz, Militärmacht und amerikanische Überlegenheitsgedanken streiten. Ob diese Einschätzung, die auch in der Beurteilung der aktuellen “Tea Party” zum Ausdruck kommt, für die Gegenwart stimmt, diese Frage wollen wir einmal außen vor lassen. Für das Verständnis der amerikanischen Politik ist es aber nicht ganz uninteressant, zu wissen, dass diese Unterteilung für die Vergangenheit so einfach nicht zu machen ist.

Die Demokratische Partei wurde von Andrew Jackson und Martin Van Buren als eine populistische Partei gegründet, zu deren Zielen unter anderem die Beibehaltung der Sklaverei und die Verdrängung und Enteignung der Native Americans, der “Indianer”, gehörten. Sie entstand zu einer Zeit, als die amerikanischen Parteien noch sehr schwach waren und vor allem als Clubs gleichgesinnter Abgeordneter existierten. Während andere Politiker noch darum bemüht waren, im direkten Kontakt mit ihren Mitmenschen finanzielle Mittel und Unterstützung für ihre politischen Ziele zu erringen, gelang es den Demokraten, eine straffe Parteistruktur aufzubauen. Sie gelten als erste Massenpartei, die sich gezielt und überregional ihre Wählermilieus (Landbevölkerung und Profiteure der Sklaverei im Süden, katholische Einwanderer im Norden) sicherte.

Die Republikaner etablierten sich erst nach einer Weile als Gegenbewegung zur zunehmenden demokratischen Vormacht. Ihre Sammlung geschah zunächst mehr oder weniger als Ein-Themen-Partei: Es ging um die Abschaffung der Sklaverei und gleiche Bürgerrechte für die Afroamerikaner. Obwohl sie lange nicht den hohen Organisationsgrad erreichen konnten wie die Demokraten (und aufgrund ihres eher intellektuellen als populistischen Auftretens auch langsamere Fortschritte machten), gelang es ihnen schließlich, im Norden die Oberhand zu gewinnen, da viele Demokraten aus dem Norden die zunehmende Dominanz des Südens nicht mehr mittragen wollten.

Nach dem Bürgerkrieg waren die Republikaner die ersten, die sich einer progressiven, also auf Bildung, mehr direkter Demokratie und gleichen Rechten, basierenden Politik verschrieben, während die Demokraten ihre Strukturen verfeinerten und das “Prinzip der Bosse” entwickelten, bei dem einzelne Partei”bosse” gegenüber den politisch kaum gebildeten Massen auftraten, Wohltaten verteilten und damit Wählerstimmen errangen. Sie agitierten gegen Industrielle und “Eisenbahnbarone”, schärften ihr linkes Profil, bereiteten gleichzeitig aber auch den Boden für Korruption, Stimmenkauf und Vetternwirtschaft.

Im Süden ging der Konflikt weiter um die Fragen von Rassentrennung und Diskriminierung, wobei sich die Republikaner in dieser Frage weiterhin für die gleichen Bürgerrechte für Menschen aller Hautfarben einsetzten, die Demokraten hingegen in bester populistischer Tradition hier nicht etwa die (im Norden für sie durchaus wichtigen) Interessen der schwächsten Mitglieder der Gesellschaft vertraten, sondern diejenigen der größten Anzahl leicht zu gewinnender Wähler. So war etwa James Meredith, der erste schwarze Student an der Universität von Mississippi, später als Mitarbeiter des republikanischen Senators Jesse Helms tätig, während der Gouverneur, der seine Immatrikulation mit allen Mitteln verhindern wollte (erst der Einsatz von Bundestruppen und US Marshals brach den Widerstand), ein Demokrat war – Ross Barnett. Zugegebenermaßen ein sogenannter “Dixiecrat”, also ein Vertreter der mittlerweile abgespaltenen Südstaatendemokraten. Deren Loslösung beruhte auf der Tatsache, dass die Demokraten sich in der Frage von gleichen Bürgerrechten langsam auf die Afroamerikaner zubewegten und sich schließlich als ihr Sprachrohr etablierten.

“Gut” und “Böse” kann man die beiden amerikanischen Parteien wohl kaum nennen. Eher handelt es sich um zwei gleichermaßen dubiose Vereine. Die Republikaner stehen für die Macht im Privaten, für die Interessen der Gebildeten, Wohlhabenden und Einflussreichen, die sich durch persönliche Verbindungen und wirtschaftliche Verflechtungen politische Macht sichern wollen. Die Demokraten hingegen für ein charismatisches, nepotistisches Herrschaftssystem, bei dem die Massen durch Versprechungen und den Glauben an den jeweiligen “Boss” an die Urnen gebracht werden sollen, um den jeweils aktuellen populistischen Versprechungen zur Durchsetzung zu verhelfen.

11 Comments for “Von Elefanten und Eseln”

  1. 1Kalle Kappner

    Interessanter Beitrag, aber ich kann dir nicht in allem zustimmen.

    Murray Rothbard hat viel zu dem Thema geschrieben, und auch dieser kurze, aber sehr interessante Text hier vermittelt ein etwas anderes Bild:
    http://wertewirtschaft.org/analysen/usa.pdf

    Summa summarum: Man kann Demokraten und Republikaner nicht nach “gut” und “böse” kategorisieren, wie du ganz richtig schreibst. Historisch lässt allerdings feststellen, dass die Democrats ursprünglich als liberale Partei (Jefferson!) antraten, die Republikaner dagegen eher konservativ und auf Privilegienbewahrung ausgerichtet waren. Auch der Bürgerkrieg darf nicht nur nach dem Gesichtspunkt der “guten” Sklavereiabschaffer aus dem Norden und der “bösen” Sklaventreiber aus dem Süden betrachtet werden. Schließlich hatte der Norden unter Lincoln auch handfeste ökonomische Interessen daran, den Süden weiterhin steuerlich auszubeuten.
    Freilich hat das für die heutige Situation bzw. seit mindestens 100 Jahren keinerlei Bedeutung mehr, da beide Parteien nahezu die gleiche zentristische Agenda verfolgen.

  2. 2Karsten Reisdorf

    Mein Beitrag ist natürlich sehr republikanerfreundlich, was aber daran liegt, dass die Vorurteile der Deutschen doch sehr demokratenfreundlich sind.
    Und wenn man sich den Süden betrachtet, dann waren da die Demokraten diejenigen, die “konservativ und auf Privilegienbewahrung ausgerichtet waren”.

  3. 3Karsten Reisdorf

    Werde den verlinkten Text aber natürlich mit Interesse lesen.

  4. 4Rayson

    Witzigerweise arbeite ich mich just durch eins der Standardwerke zum amerikanischen Bürgerkrieg. Es bestätigt weitgehend die Sicht, die Karsten hier zum Ausdruck bringt.

    P.S.: Ein Sozi, der Rothbard liest. Schäm dich, Kalle ;-)

  5. 5linksundliberal

    Kalle ist wirklich ein ganz interessanter Sozi. Anarchokapitalistische Sozialdemokraten, was es nicht so alles gibt. :)

  6. 6linksundliberal

    Übrigens weiß ich nicht, ob er deinen freundlichen Verweis für politisch fragwürdige Lektüre überhaupt sehen wird, da diese Kommentare von facebook importiert sind…

  7. 7PLS

    Die Geschichte bleibt leider bei Jahr 1912 stehen. Damals spalteten sich die Republikaner. Der “linke” Flügel um Teddy Roosevelt gründete die Progressiv Party. Seit dem standen die Demokraten links der Republikaner. Franklin D. Roosevelts New Deal-Politik tat ihr übriges, die Demokraten zu einer liberalen Partei im amerikanischen Sinne zu entwickeln. Unter Kennedy und Johnson ging es dann noch ein Stück weiter und der Süden wurde republikanisch und der Norden demokratisch.

    Die heutigen Demokraten und Republikaner lassen sich aber auch nicht über einen Kamm scheren. Im Süden gibts immer noch konservative Demokraten, in Neuengland eher liberal, dominierend dürften aber die moderaten Demokraten sein. Bei den Republikanern dominieren eindeutig die Konservativen, während der liberale Flügel ein Schattendasein führt.

  8. 8linksundliberal

    Entschuldige, PLS, du warst leider von Akismet “kassiert” worden.

    Inhaltlich:
    Danke für die Fortsetzung, um die es mir aber nicht so sehr ging. Ich wollte mehr die Ursprünge und die (aus unserer Sicht) frühen Entwicklungen beleuchten.

    Aus deinem Kommentar, den übrigen Kommentaren und dem Ursprungsbeitrag kann man aber sicher eine Menge herauslesen, was die amerikanischen Parteien angeht. Und vor allem eine Menge, was über die manichäische “Die Guten” vs. “Die Bösen”-Sicht hinausgeht, mit der man hierzulande leider oft abgefüttert wird.

  9. 9Christian S.

    Die Fortsetzung von PLS ist wichtig. Das ist das Spannende an den US-Demokraten: die haben ihre Position im Lauf ihrer Geschichte wirklich um 180 Grad gedreht.

    Die Macht der Gewerkschaften in den USA ist übrigens ein Grund, warum sich in den USA keine sozialdemokratische Partei etablieren konnte. (Neben dem Ersten Weltkrieg.)

  10. 10linksundliberal

    Ja, CS, die Sozialdemokratie ist ja nicht nur eine Bewegung der Gewerkschaften. Sie ist keine charismatische, keine kommunistische Bewegung, sondern stets sehr vielschichtig gewesen. Nur vereinigt sie so viele Strömungen, dass ich mich da niemals wiederfinden würde. Und ich wünsche ihr vier Fünf-Prozent-Parteien, mit denen sie ihren Weg finden muss. Und wenn sie den nicht findet, dann verliert sie die Regierung an die Union und die beiden anderen Fünf-Prozent-Parteien.
    Ich gebe es zu: Trotz Gert Wilders mag ich das politische System der Niederlande. :)

    P.S.: Ich fand die Ergänzungen von PLS auch besser, als Akismet sie einschätzte. :)

  11. 11Christian S.

    Ja, in der Sozialdemokratie ist Raum für Menschen wie Ypsilanti und Kahrs gleichermaßen. Macht manchmal irre. Stimmt schon. :-)

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