Objektiv was zu bieten?

Mittwoch, 29 Dezember 2010, 23:17 | Category : Medien, Personen
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Soso, laut Heiner Thorborg drüben bei der Wirtschaftswoche hat KT zu Guttenberg neben seinem Charisma auch “objektiv etwas zu bieten”. Und was soll das sein?

Seine Stammbaum listet über 900 Jahre lang Ahnen auf, die klug genug waren, ihr Geld zu vermehren; das Familienvermögen soll sich auf 400 Millionen Euro belaufen. Guttenberg ist also nicht nur finanziell unabhängig, sondern auch in dem Geist erzogen, dass die wesentlichen Dinge über das eigene Leben hinausreichen. Diese innere Unabhängigkeit – die wir uns von jedem Politiker wünschen – bewies Guttenberg im Fall Opel, wo er als Wirtschaftsminister mit Rücktritt drohte, als alle anderen hohe Staatsbürgschaften forderten.

Ah ja. Er hat objektiv zu bieten, dass er geerbt hat. Von Leuten, die offenbar vor 900 Jahren auf kluge Art und Weise ihr Geld vermehrt haben. Da sie dem Adelsstand entstammen, kann das zwar nicht auf eine im modernen Sinne erbahre Art und Weise (durch Handel oder fleißige Arbeit), sondern nur durch Raub, Krieg oder Heirat geschehen sein, aber was soll’s: Auf so eine Familie kann man stolz sein. Auch, wenn sie gerissen genug war, ihr großes Vermögen über zwei Weltkriege zu retten, in denen all jene, die sich mit ihrer eigenen Hände Arbeit etwas aufgebaut hatten, alles verloren, dann ist das offenbar etwas, was aus irgendeinem Grund für denjenigen spricht, der dieses Vermögen in den Schoß gelegt bekommt.

Okay, und was hat er objektiv noch zu bieten?

Der Freiherr hat Benimm und ist daher der Gegenentwurf zum im Ausland weit verbreiteten Image vom „hässlichen Deutschen“.

Vermutlich gehört hier auch der Adelstitel selbst zu den objektiven Vorzügen des Herrn KT. Und wir erinnern uns ja alle, wie die bisherigen Politiker unseres Landes wie die Hunnen an den Tischen ihrer ausländischen Gesprächspartner gehaust haben, vor allem, wie Willy Brandt in Warschau den hässlichen Deutschen gab. Nein, es ist wahr, einen so objektiv verdienstvollen Mann wie Guttenberg hat unser Land gebraucht!

Aber Thorborg wird in seinen letzten Absätzen vernünftiger, wenn er schreibt:

Und selbst wenn es Guttenberg gelingen sollte, wie magisch weiterhin auch durch alle Flauten zu segeln, droht ihm die Banalisierung: Wird die charismatische Beziehung zwischen Anführer und Fan-Gemeinde zum Dauerverhältnis, verliert sie ihren außeralltäglichen Charakter und wird normal. Normalität jedoch ist ein Helden-Killer.

Hoffen wir, dass das bald der Fall sein wird. Denn auch, wenn ich nicht glaube, dass Gutti sich zum nächsten charismatischen Diktator aufschwingen kann: Allmählich nervt er.

24 Comments for “Objektiv was zu bieten?”

  1. 1VolkerD

    Ja, ja die Sehnsucht der Deutschen nach dem Adel. Mittlerweile etwas intellektuell verbrämt, damit es nicht so nach Regenbogenpresse klingt.

    (Mir persönlich ist da der Prinz zu Solms lieber, der seinen Adelstitel gar nicht benutzt und als Hermann Otto Solms bekannter [und auch kompetenter] ist)

  2. 2Markus Ritter

    Da scheinen die Redakteure drauf zu fliegen, auf einen Adeligen.

    http://blog.markus-ritter.de/2009/02/11/gibt-es-doch-ein-wirtschaftsgen/

  3. 3Björn

    Auch auf die Gefahr jetzt nach radikaler Räterepublik zu klingen: Es war ein Fehler der Weimarer Republik dem Adel die Titulatur zu lassen, auch wenn sie offiziell nur Teil des Namens ist.

    Wenn der Mann in Interviews mit “Herr Baron” angesprochen wird, finde ich das unerträglich. Auch wenn es formell korrekt sein mag.

  4. 4David

    Immerhin jemand, der sich auch den cursus honorum hätte leisten können! Hat man nicht mehr oft.

    Der Adel soll regieren!

  5. 5linksundliberal

    Auch wenn es formell korrekt sein mag.

    Ist es nicht. Formell korrekt wäre “Herr Freiherr zu Guttenberg”. “Herr Baron” ist schonmal ganz falsch, weil der im Namen nicht vorkommt. “Freiherr zu Guttenberg” auch, man nennt den Herrn Schmidt ja auch nicht einfach “Schmidt”. Ebenso falsch ist dann natürlich auch “Herr zu Guttenberg”. Wenn es schon ein Name ist, dann sollte man es auch nicht als Titel verwenden.

  6. 6linksundliberal

    Eigentlich keine schlechte Idee, David, führen wir den cursus honorum wieder ein. Den beschreiten dann aber keine echten Adligen, sondern nur die Familien ehemaliger Bundestagsabgeordneter. Und er beginnt natürlich mit dem Militärdienst!

  7. 7David

    Militärdienst macht er ja gerade. Nochmal!

  8. 8tigger

    Was kann denn der Guttenberg dafür, dass die Journaille so adelsgeil ist ?

  9. 9Björn

    Formell korrekt wäre “Herr Freiherr zu Guttenberg”. “Herr Baron” ist schonmal ganz falsch, weil der im Namen nicht vorkommt.

    Der Freiherr ist das deutsche Äquivalent des angelsächsisch-französischen Barons.

    Die titularische Anrede für einen Freiherrn ist “Baron”. Vgl. auch dieses NZZ-Interview: http://www.nzz.ch/nachrichten/politik/schweiz/grosses_lob_fuer_die_schweiz_1.3302949.html

    Auch schön derweil “Durchlaucht”:
    http://www.wiwo.de/unternehmen-maerkte/wir-sind-das-land-der-bedenkentraeger-451339/

  10. 10David

    Was kann denn der Baron dafür, daß er Prolet nicht ist wie ihr?

  11. 11Björn

    Auch die SuperIllu sagt, dass der Herr Freiherr von und zu ind in Ulm und um Ulm und Ulm herum zu Guttenberg als “Herr Baron” angeredet wird: http://www.superillu.de/aktuell/Karl-Theodor_zu_Guttenberg_1243492.html

  12. 12linksundliberal

    @Björn:
    Ja, aber das ist trotzdem falsch. Denn er ist ja nicht etwa “ein Freiherr”, der dann als “Herr Baron” angesprochen werden würde. Sondern er ist ein normaler Bürger wie jeder andere auch, dessen Nachname “Freiherr zu Guttenberg” lautet. So wie “Mayer-Guttenberg”.

    Alles andere sind Reminiszenzen an die Vergangenheit, aber keine korrekten Anreden. So sehe ich das. :)

  13. 13Björn

    Naja, im Kern will ich ja darauf hinaus. Meine Beschwerde ist ja im Kern, dass zunehmend dieser Namensteil wieder wie ein “echter” Titel geschwungen wird.

    Ansonsten folge ich ja auch der Position: “Aber ihr könnt doch nicht behaupten, Ihr hättet die Macht, nur weil euch so eine wässrige Schlampe ein Zepter in die Hand gedrückt hat!”

  14. 14linksundliberal

    @Björn:
    Oh! Kokosnüsse! Oder?

  15. 15Björn

    Ja. Und der Mann hat wenigstens den Sachsen das Angeln beigebracht (und jetzt sind sie die Angelsachsen). Was hat Herr Dr. Baron für die Afghanen getan?

  16. 16linksundliberal

    Straßen gebaut? Aquädukte errichtet? Das allgemeine Gesetz eingeführt? *autsch*

  17. 17Björn

    Dazu.
    Bestes TITANIC-Titelbild 2010:
    http://tinyurl.com/tinosaurier

  18. 18Rayson

    Wie ich ja schon mal getwittert habe, erwähnte sogar der Sozi des Ortes (ob es da noch einen zweiten gibt, ging aus dem Fernsehbericht nicht hervor) den Vater des Herrn Guttenberg mit seinem nicht mehr vorhandenen Adelstitel.

    Das würde man aber auch durch ein Verbot (auja, lass uns mal wieder irgendwas verbieten!) nicht wegkriegen, das ist eben Tradition. Ergebnis menschlichen Handelns, nicht menschlicher Absicht. Und so lange keiner die Yellow Press verbietet, an der jüngere geschichtliche Entwicklungen (so ab Weimarer Republik) spurlos vorübergegangen zu sein scheinen, wird das wohl auch noch eine Weile anhalten.

    Dass sich die Qualitätspresse ab und an bemüßigt sieht, die alten Titel wieder hervorzukramen, ob nun in ironischer oder sonstwelcher Absicht, ist wieder eine andere Geschichte.

    Übrigens ist es auffällig, wie wenig “Adlige” promovieren. Das lässt einen gleich doppelt sinnieren…

  19. 19Richard Beer

    Dieser Truchsess von Guttendingensda müsste doch nun jedem, der auch nur auf eine URL klickt die den Namesteil “liberal” in sich trägt, Schweissperlen auf die Stirn treiben.

    Adel + Grosskapital… waren dass nicht einmal die Gegner der Freiheit die es zu bekämpfen galt? Guttensberg ist eine perfekte Inszenierung, vom ersten Moment seiner politischen Geburt an. Ich gehe davon aus, das jede seiner Handlungen und Äusserungen perfekt durchdacht ist.

    Wenn – wie der ursächliche Autor sagt – die Guttensbergs seid 900 Monetäres anzuhäufen verstanden, heisst das politisch und psychologisch zweierlei:

    1.) Derartige Mengen “Geld” verdient man nicht mal eben so. Selbst wenn es durch Zinsen zu Stande kommt, muss jemand für eben diese Zinsen arbeiten. Truchsess GB sicherlich nicht!

    2.) Ist daraus zu schließen, das er in bester Tradition seiner Familie alles daran setzen wird, dass dieses Kapital weiter vermehrt wird. Welche Position wäre das besser geeignet als “Berlin”?

    Man kann bei diesem Herrn sicherlich noch einige Überraschungen erleben. Ein Heilsbringer ist er ganz sicher nicht!

  20. 20Christian S.

    Das würde man aber auch durch ein Verbot (auja, lass uns mal wieder irgendwas verbieten!) nicht wegkriegen, das ist eben Tradition. Ergebnis menschlichen Handelns, nicht menschlicher Absicht.

    Auch ein Verbot ist menschliches Handeln.

  21. 21Rayson

    Aber eben auch Ergebnis menschlicher Absicht.

  22. 22Christian S.

    Auf das Ergebnis kommt es an.

  23. 23Rayson

    Aus liberaler Sicht ist auch das Verfahren nicht außer Acht zu lassen.

  24. 24Christian S.

    Mh.

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