Das Elend des Linksliberalismus
Als ich noch Mitglied der FDP war, habe ich mich oft gefragt, warum sich diejenigen, die wie ich einer eher sozialen Auslegung liberaler Thesen zuneigen, nicht organisieren. Ich hatte mit den Freiburger Thesen ein hervorragendes Brevier bei der Hand, das diese Auslegung in einer Art und Weise beschrieb, wie ich selbst niemals fähig gewesen wäre, es zu formulieren. Thesen übrigens, die auch die Grundlage für ein Parteiprogramm der FDP gebildet haben. Mit Gerhard Baum und Burkhard Hirsch sah ich im Fernsehen oft zwei entschiedene Vertreter dieser politischen Richtung vor dem Verfassungsgericht streiten, und mit Sabine Leutheusser-Schnarrenberger ist eine bekannte Vertreterin des Linksliberalismus ja sogar im Kabinett der Regierung Merkel. Der einzige Jungliberale, der sich so in unserem Ortsverband fand, war ebenfalls eher sozialliberal eingestellt, und gut ein Drittel der Leute, die ich auf einem Juli-Landeskongress traf, ebenfalls.
Nun gut, dachte ich mir, vermutlich gibt es eine Organisation, und du hast sie nur noch nicht gefunden, weil sie nicht so bekannt ist. Also begann meine Recherche. Zu meiner großen Freude gab es auch zu diesem Zeitpunkt noch einen Kreis, der Baum, Hirsch und Frau SLS (die Abkürzung sei erlaubt) versammelte: Den Freiburger Kreis. Super, dachte ich, gehst du mal auf die Website und fragst, wie Du mitarbeiten kannst. Doch “freiburger-kreis.de” ist leider die Vertretung größerer deutscher Sportvereine. Naja, kein Problem, Google hilft. Unter dem Suchbegriff “freiburger kreis fdp” findet man dann an fünfter Stelle die Website der Leute, die ich suchte – “www.liberale.org“. Eine tolle Domain, da kann man viel machen, dachte ich… draufgeklickt… und… Entsetzen. Man wird mit den Worten “Herzlich Willkommen auf der Homepage des Freiburger Kreises” begrüßt, die letzten Links sind von 2001, der letzte “aktuelle Beitrag” von 2005, das Webdesign von… wann wurde das Internet noch mal erfunden?
Um den Rest kurz zu machen: Es gab wohl noch eine neuere Homepage, “freiburgerkreis.de”, die aber mittlerweile nur noch eine weiße Seite zeigt, die man aber unter “metatag.de” auch noch per Google erreichen kann. Dort zeigen sich… genau, Baum, Hirsch und SLS, ohne weitere Informationen, ohne Aktivitäten, ohne Vernetzung, ohne gar nichts. Auch unenendlich viele Klicks bei Suchmaschinen führen zu nichts anderem als dieser leeren Seite oder Äußerungen, die einer der drei besagten Protagonisten von sich gegeben hat. Es gibt keine Möglichkeit, Kontakt aufzunehmen, keine Aufforderung (oder Möglichkeit) zur Mitwirkung, keine Aktualität, es gibt nicht den geringsten Ansatz für jemanden, der linken Liberalismus oder die drei besagten Politiker schätzt, weiterzumachen.
Okay, sagte ich mir dann, wenn die drei es nicht schaffen, Unterstützer zu sammeln und eine Organisation auf die Beine zu stellen, ich kann es bestimmt nicht, also warte ich einfach ab. Ich sehe mir an, was sich in der FDP so tut, bleibe nominelles Mitglied und hoffe auf das Beste. Was daraus wurde, ist Lesern dieses Blogs ja bekannt.
Und nun, kurz nach meinem Austritt, höre ich von einem Dahrendorf-Kreis, der linksliberale/sozialliberale Ideen in der FDP stärken und für sie eintreten will. Toll, denke ich, auch wenn ich nicht mehr Mitglied bin, finde ich das großartig. Okay, was manche Medien berichten, dass man die FDP “grüner” machen wolle, wäre jetzt nicht so toll (denn die Grünen gibt es ja schon), aber das ist sicher nur Mediengeschwafel. Dieses halbe Dutzend Mandatsträger und ihre Unterstützer haben sich sicher etwas dabei gedacht, was haben sie zu sagen?
Das.
Also nichts, gar nichts, überhaupt nichts. Nur ein paar uninformierte Presseberichte, alle offenbar von derselben schwachen Quelle abgeschrieben, etwa ein Drittel von ihnen übernimmt das “grüner machen” von derselben Quelle (wegen derselben Formulierungen). Kein “www.dahrendorf-kreis.de” online, auch kein “www.dahrendorfkreis.de”. Nichts, nada, njente, nothing. Nur Presseberichte, die nicht mehr als Agenturmeldungen sind.
Als vor einigen Wochen Frank Schäfflers “Liberaler Aufbruch“, der für die Rechtsliberalen, Marktradikalen und “klassisch Liberalen” sprechen will, aktiv wurde, hat man sich noch darüber amüsiert, dass “liberaler-aufbruch.de” bereits vergeben war. Dennoch haben es die LA-Leute geschafft, in wenigen Wochen einen Facebook-Auftritt, eine gute Website und zahllose Möglichkeiten zur Mitwirkung zu schaffen. Mit Schäffler war zumindest ein halbwegs bekannter Mandatsträger von Anfang an Kristallisationspunkt. Und nach gut drei Monaten ist dieses Bündnis nun äußerst bekannt, gut vernetzt und sehr aktiv, um auch die Zeit nach dem absehbaren Sturz v0n Guido Westerwelle (den ich mehr und mehr als CDU-Vasallen empfinde) zu gestalten.
Was hat hingegen die Gegenbewegung “Dahrendorf-Kreis”? Sie mag erst eine Woche aktiv sein (wobei sie sicherlich schon länger en formation ist, die Veröffentlichung am 21./22. Dezember eine Indiskretion sein dürfte), aber bisher hat sie… “ein halbes Dutzend Mandatsträger” (wie die Presse berichtet) zu bieten. Kein Gesicht, das sie in die Kamera halten kann. Keine Website, bei der man sich informieren könnte. Keinen Facebook-Account, wo man sich als Unterstützer eintragen kann. Nur die sehr ominöse Information, dass man bis zum Dreikönigstag irgendein Papier präsentieren will.
Das ist das Elend des Linksliberalismus: Wenn er sich organisieren will, kann immer zumindest einer schon in der frühen Phase nicht die Klappe halten. Wenn die Info raus ist, ist man zu langsam, um vor die Presse zu treten. Man hat den Anschluss an die modernen Medien (wo die Unterstützer warten und hungern) total verloren. Man hat vergessen, dass es wichtig ist, die Medien zu erreichen, wo die wahre Mittelschicht (aus gehobenen, aber nicht “höheren” Kreisen und Bildungsschichten) auf Signale wartet.
Wo Obama hinging, da müsste auch der “Dahrendorf-Kreis” hin, denn da sind seine Spender, seine Aktivisten, seine Wähler: Im Internet und bei denen, die zwar nicht selbst aktiv sind, deren politisch interessierte Freunde aber im Internet zu finden sind. Doch stattdessen scheint es sich um eine typisch deutsch-linksliberale Aktivität zu handeln: Auf Kongressen sich zu Tode redend, sich selbst wichtig machend, in den sechziger und siebziger Jahren im Denken verhaftend.
Ich hoffe, dass es nicht so ist. Aber ich fürchte nur das Schlimmste. Deswegen bin ich gegangen. Ich halte dir dennoch die Daumen, FDP. Dass du die Kurve kriegst, nach der ich dich zumindest wieder wählen kann.
Edit 2. Januar 2011: Es hat sich was getan, und der Dahrendorf-Kreis wird aktiv! Auf Facebook und mit einer Domain, der dann hoffentlich auch bald die Website folgt.






1Christian S.
wrote on 26 Dezember 2010 at 1:45
Linke bekommen das allgemein oftmals nicht so gut hin. Aber was SLS und Co. mit liberale.org hinlegen, das ist wirklich unterirdisch. Naja. Wer nicht will, der hat schon.
2Rayson
wrote on 26 Dezember 2010 at 2:15
Ich warte ja überhaupt noch mal darauf, dass mir einer den Unterschied zwischen Sozis und “Linksliberalen” erklärt – nicht, was die Begründungen angeht, da kenne ich schon genug Varianten, sondern die tatsächlich angestrebten politischen Maßnahmen.
Und bitte, Karsten, Westerwelle ein “CDU-Vasall”? Gerade in seinem Ressort ist er wohl alles andere als das. Ich nenne da mal nur die Causa Steinbach, die Frage der Atomwaffen in Deutschland oder den Türkei-Beitritt zur EU. Das sind schon mal drei Dinge, mit denen er sich den heftigen Zorn der Konservativen zugezogen hat.
3Christian S.
wrote on 26 Dezember 2010 at 2:17
Darauf warte ich auch – habe den Verdacht, viele FDPler würden sich in der SPD wohlfühlen.
4Rayson
wrote on 26 Dezember 2010 at 2:57
Wäre vielleicht ehrlicher. Aber so wie einige FDPler Konservative sind, die nur irgendwas gegen Religion haben, sind wohl einige auch Sozis, die nur irgendwas gegen diesen Arbeiterbewegungs-Stallgeruch haben (oder so etwas ähnliches). Ohne diese beiden Gruppen wäre die FDP tot, denn es können ja nicht nur die übrig bleiben, die den Wählern erzählen, sie wollten eigentlich weniger und nicht mehr für sie machen. Das ist das Oxymoron “liberale Partei”.
5Christian S.
wrote on 26 Dezember 2010 at 3:08
6Robroy
wrote on 26 Dezember 2010 at 9:24
Auch wenn ich nicht viel vom Linksliberalismus halte (ich betrachte mich als ziemlich liberal, ohne lechts/rinks/national/sozial davor zu setzen): Hast du, Karsten, im Zuge deiner Recherchen mal was von der “Gelben Rose” gehört? Eine linksliberale Gruppierung, vor allem aus JuLis und FNST-Stipendiaten bestehend, für die ein gewisser Vincent Zimmer seit Ende letzten Jahres im studivz/meinvz Werbung macht (haben dort auch ne Gruppe, keine Ahnung, ob die inzwischen einen anderen Webauftritt hinbekommen haben oder überhaupt noch aktiv sind).
7linksundliberal
wrote on 26 Dezember 2010 at 10:38
@Robroy:
Google hilft. Und bei der Website mit dem einen Eintrag vom 1. November 2009… ist das wohl ein weiterer Beleg für das Elend, von dem ich sprach.
@Rayson:
Wenn man die politischen Ideologien als Felder mit Schnittmengen betrachtet statt als harte Einzelstandpunkte der reinen Lehren, dann machen solche Begriffe Sinn. Auch “Sozis” sind übrigens ein weites Feld. Wer mir erzählen will, dass Johannes Kahrs und Andrea Nahles die gleichen politischen Maßnahmen anstreben…
Aber ich habe keine Lust, diese Diskussion immer und immer wieder zu führen, weil das Zeit verschwendet, die wir alle produktiver nutzen könnten.
Aber was Westerwelle angeht: Er hat jeden Versuch, sich andere Optionen als die babylonische Gefangenschaft offenzuhalten, über Jahre hinweg im Keim erstickt und setzt auf Teufel komm raus auf eine Koalition, in der die eigenen Wähler noch um das hochheiligste Versprechen betrogen und die FDP an der Nase durch den Ring gezogen wird, bis sie daran verreckt. Da sind Sachen wie die Causa Steinbach (reine Vernunft), Atomwaffen und Türkei-Beitritt (beide Fragen stehen überhaupt nicht an) nur geringe Kosmetik gegen.
@Christian S.:
Was vielleicht auch daran liegt, dass viele FDPler 1982 in die SPD eingetreten sind und diese verändert haben.
8Rayson
wrote on 26 Dezember 2010 at 15:32
@linksundliberal
Zunächst mal: Wenn wir alle “produktiver” sein wollten, müssten wir wohl überhaupt aufhören zu bloggen und zu kommentieren…
Zum Thema: Meine Frage ist ja gerade, woran man denn feststellen kann, dass die Schnitt- nicht eine Teilmenge ist. Ich sehe nämlich fast nur Gemeinsamkeiten. Meine Suche nach einer Erklärung ist hier übrigens ganz ernst gemeint. Ich finde einfach keine mich überzeugende Unterfütterung für die Begriffe “linksliberal” oder “rechtsliberal” – das erste Adjektiv der beiden so kombinierten widerspricht aus meiner Sicht immer dem zweiten.
Sicher gibt es gerade in Parteien, die den Anspruch haben, “Volkspartei” zu sein, ein breiteres Meinungsspektrum. Aber um so mehr stellt sich die Frage, warum die “Linksliberalen” sich in diesem Spektrum der SPD nicht vollumfänglich wiederfinden.
Für die “babylonische Gefangenschaft” ist Westerwelle wenn, dann erst in zweiter Linie verantwortlich. Vor allem hat die nämlich der Wähler der FDP beschert, denn eine SPD-FDP-Koalition hat, zumindest, wenn ich mich richtig erinnere, in den Jahren, seit Westerwelle Parteichef ist, nirgendwo rechnerisch zur Debatte gestanden (außer in Rheinland-Pfalz, und da fand sie dann auch statt). Was immer wieder an die FDP herangetragen wurde, war, den mehrheitsbeschaffenden Beiwagen für Rot-Grün zu stellen. Dass das für “Linksliberale”, die einer rot-grünen Politik sehr positiv gegenüberstehen, vielleicht eine attraktive Perspektive sein mag, will ich gar nicht bestreiten, nur für die FDP als Ganzes und als Partei wäre das eine Form von Selbstmord (wie übrigens auch für die “Grünen” die Teilnahme an “Jamaika”, wie sich jetzt im Saarland zeigt). Hinzu kommen die programmatischen Unterschiede sowie die extrem “freundliche” Art, wie die Koalitionsabsicht von Rot-Grün immer formuliert wurde (“na du geile Schlampe, du brauchst es ja, deswegen wirst du schon noch zu uns in Bett steigen, egal was du jetzt behauptest”) und die auf ein entsprechend entspanntes Klima in der angestrebten Dreier-Koalition hingedeutet hat.
Was Westerwelle tatsächlich falsch eingeschätzt hat, war die Ernsthaftigkeit, mit der Merkel und die CDU damals ihr “Leipziger Programm” beschlossen hatten. Denn Merkel & Co. sind natürlich im Grunde ihres Herzens Marxisten (wieder mal nicht Karl, sondern Groucho): “Those are my principles, and if you don’t like them… well, I have others.” Mit Merkel wäre heute wahrscheinlich eine Agenda 2010 gar nicht zu machen. Insofern sieht die FDP jetzt, dass, wenn sie koalieren will, auch genau so gut die SPD in Frage kommen könnte, weil sie das eh immer mit einer mehr oder weniger sozialdemokratischen Partei tun muss. Aber nicht mit zweien.
9linksundliberal
wrote on 26 Dezember 2010 at 23:55
@Rayson:
Wie immer, muss ich jeden Beitrag von hinten aufrollen.
Das sagte mir gerade heute Abend ein ehemaliger grüner Ratsvertreter: “Du wolltest doch Poltiker werden, oder nicht? Dann musst du doch flexibel sein, oder? Nein, nicht mit deinem Leben, sondern mit deinen Meinungen! Bist du nicht? Okay, dann bist du mir sympathisch. Schön, dass du kein Politiker sein wirst”.
Irgendwie macht mir das Angst.
Die Nummer würde ich ja immer versuchen, um Schlampen ins Bett zu kriegen… äh… ich meine, diese Strategie ist in der Politik aber nun einmal bewährt, wenn man in der stärkeren Position ist, oder? Zumal bei einem flotten Dreier.
Ja, das ist halt für mich konstituierend. Als Möllemann noch nicht der Buhmann war, über den mensch auch Fallschirmspringerwitze machen darf (also, seitdem er tot ist), als er die Wahl in NRW durch Schwung und (ja!) linksliberale Thesen gewann, da hat er rechnerisch eine entsprechende Mehrheit gehabt. Gut, Clement durfte nicht, weil Schröder ihn zurückpfiff, aber Westerwelles ätzende Kommentare aus Berlin taten ihr Übriges.
Alles, was danach geschah, spielt hierfür keine Rolle. Mein Westerwelle hat sich damals gefestigt. Und er hat nichts getan, was meine Meinung geändert hätte.
Hm, würde ich vielleicht. Aber da gibt es ja auch noch die Sozialisten, die “demokratischen Sozialisten”, die “konservativen Sozialdemokraten” (die ganz nah an den überwachungsfreundlichen Herz-Jesu-Sozialisten sind), und mit all denen fühle ich mich so gar nicht verbunden. Dann eher mit dem vielgeschmähten Rainer Brüderle, weil ich den verstehe und seine Motivationen (die Menschen sind doch gut, tu ihnen nix und lass sie mal machen) teile. Verstehste? Das ist doch keine parteipolitische Sache.
Die Politiker, deren konkrete Forderungen mich mittlerweile besonders überzeugen, sind die SPD-Linke und die prinzipientreuen FDP’ler. Mach da mal was draus außer “Links und Liberal”.
Widerspricht es dem, oder nimmt es nur Aspekte aus einem relativ unbedeutenden Spektrum und versucht, dieses mit der Realität in Einklang zu bringen?
Liberalismus ist ein Traum, wir haben nur leider nicht die absolut herzensguten, total rationalen Menschen, um ihn auf die Welt loszulassen. Und da bilden sich zwei Denkschulen: Ist der Mensch nun eher rational, oder eher gut? Und da teilt sich der Liberalismus. Ich sehe den Menschen als eher freundlich, aber nicht so rational – der Rechtsliberale sieht es umgekehrt.
10linksundliberal
wrote on 26 Dezember 2010 at 23:57
Ach, @Rayson, das habe ich noch vergessen:
Ich sehe ja politische Betätigung, auch auf niedriger Ebene, schon als ein wenig produktiv an. Aber prinzipiell hast Du natürlich recht.
11Kalle Kappner
wrote on 27 Dezember 2010 at 1:40
Sehr schöner Artikel. Ich erinnere mich auch, wie ich einmal (vor gut zwei oder drei Jahren) was über die sozialliberale Strömung in der FDP erfahren wollte. Fehlanzeige, keinerlei Infos verfügbar. Die “Gelbe Rose” verfolge ich auch, aber das ganze scheint eher eine Ein-Mann-Veranstaltung bzw. ein Karriere-Netzwerk zu sein. Von Zeit zu Zeit gibt es mal Nachrichten auf studiVZ.
Ein schwacher Trost mag es sein, dass sich ander Strömungen, z.B. “Liberalkonservative”/”Nationalliberale” oder auch der “Liberale Aufbruch” nicht wirklich besser vermarkten.
Das ganze führt zu wirklich merkwürdigen Imageeffekten: In der medialen Öffentlichkeit wird die FDP ja gerne als asoziale Partei des Kapitals hingestellt. Wenn man aber mit “einfachen” Mitgliedern persönlich spricht, stellt man fest, dass es die Menschenhasser zwar gibt (wie in jeder anderen Partei auch), aber die riesige Mehrheit überaus vernüftig ist. Man staunt: Viele bezeichnen sich sogar eher als “sozialliberal”, während in den Medien diese Strömung kaum zur Geltung kommt (Die FDP wird hierzulande quasi als ultra-extrem-neoliberal bezeichnet, was auch immer das sein soll).
Der FDP würde es enorm helfen, wenn sie
1. in den Vordergrund stellt, dass in ihren Reihen sehr viele Menschen sind, die sich um Fragen des Sozialen (ob mit staatsfixierten Konzepten oder per Privatinitiative) eine Menge Gedanken machen, und
2. stärker darstellt, dass Liberalismus und das, was man landläufig als “sozial” bezeichnet, keine Gegensätze sein müssen. Weg vom Image der “Besserverdiener-Partei”. Dazu muss man nicht in den allgemeinen Sozialstaats-Überbietungswettbewerb einsteigen. Besser wäre es, energisch darauf hinzuweisen, dass der Sozialstaat in seiner realen Ausprügung viele seiner Ziele verfehlt bzw. sogar kontraproduktiv wirkt – und somit nicht wirklich als “Sozialstaat” bezeichnet werden kann. Und natürlich könnte man auch darauf hinweisen, dass sicher der Liberalismus per definitionem auch gegen all die Institutionen richtet, die ganz und garnicht dem “Sozialen” dienen, sondern gut vernetzten Sonderinteressengruppen dienen. Und das oft zum Schaden der kleinen Leute.
Das krasse Gegenteil dieser Strategie hat Herr Westerwelle leider eingelegt: Hetze gegen den faulen Arbeitslosen, gegen die “Idee des Sozialen” an sich, wird – selbst wenn es nicht so gemeint war und in den Medien nur verzerrt dargestellt wird – niemals helfen, das Image des Liberalismus aufzupolieren.
12Jan Filter
wrote on 27 Dezember 2010 at 8:47
Das Dumme, Kalle, ist, dass Presse, Öffentlichkeit UND sehr mehrheitlich vermutlich auch jene Parteifreunde, die sich selbst als “sozialliberal” bezeichnen, dass, was dir da vorschweben mag gerade nicht als “sozial” begreifen, sondern unter “sozialliberal” eher sowas wie eine SPD-nahe Politik verstehen, vielleicht noch ergänzt durch eine freiheitlichere Gesellschaftspolitik.
13Kalle Kappner
wrote on 27 Dezember 2010 at 12:27
Du glaubst, die sogenannten Sozialliberalen sind alles in allem mit dem Aufbau des Sozialstaates, wie er heuet aussieht, zufrieden?
14tigger
wrote on 27 Dezember 2010 at 13:11
@linksundliberal:
Eine Frage:
Du schreibst, Du hättest mit den Freiburger Thesen ein “hervorragendes Brevier in der Hand, zur sozialen Auslegung liberaler Thesen”. Nun sind die aber doch auch schon ein paar Jährchen alt, daher frage ich mich, würdest Du denn daher auch von Dir behaupten, “in den sechziger und siebziger Jahren im Denken verhaftet” zu sein ?
Oder bezog sich diese Datierung eher auf die Präsentation (Kongresse) statt auf den Inhalt ?
15linksundliberal
wrote on 27 Dezember 2010 at 14:41
@tigger:
Ja, ich bezog mich da auf die Präsentation, die Vermarktung, die Gewinnung von Menschen, die Kontaktaufnahme zu möglichen Wählern und Mitstreitern.
Wobei ich dir durchaus zustimme, dass die Freiburger Thesen leicht in die Jahre gekommen sind. Das lange Kapitel über die Bodenreform etwa ist in der heutigen Situation nun wirklich nicht mehr aktuell. Und auch bei anderen Punkten hätten diese Thesen, wenn sie zur Grundlage eines aktuellen politischen Programmes dienen sollten, eine Runderneuerung nötig. Es ging mir mehr um die grundlegenden Gedanken, die hinter den Thesen stehen.
16Karsten Reisdorf
wrote on 27 Dezember 2010 at 14:42
Nicht besonders, wenn man mich fragen sollte.
17Jan Filter
wrote on 27 Dezember 2010 at 14:51
Ist etwa jedes SPD-Mitglied das?
18Kalle Kappner
wrote on 27 Dezember 2010 at 16:25
Nein, aber es gibt die Tendenz, den Status Quo unbedingt verteidigen zu wollen, und nur an kleinen Stellschrauben rumzudrehen.
19Jan Filter
wrote on 27 Dezember 2010 at 16:26
Okay. Ja, die gibts in der FDP eindeutig genauso.
20Rayson
wrote on 28 Dezember 2010 at 22:30
@linksundliberal
Außer, dass du ein interessanter Typ bist, kann ich da leider nichts draus machen.
Warum brauchen wir den dazu?
Interessant. Aber für den Liberalismus doch wohl eher unerheblich: Es ist egal, wie der Mensch ist, aber er soll sich um seine Angelegenheiten selbst kümmern dürfen. Wo ist da Raum dafür, ob der Mensch rational oder freundlich ist? Ich verweise zum xten Mal auf Statlers legendäre “Rückenmarksliberale” – für mich so eine Art Gründungsdokument. Gedacht als Abgrenzung gegen libertäre Kritiker, aber tatsächlich viel weiter greifend.
21Rayson
wrote on 28 Dezember 2010 at 22:47
@Kalle Kappner
Ich frage mich immer mehr, was an dir Sozi sein soll
22VolkerD
wrote on 29 Dezember 2010 at 12:42
Das Elend des Linksliberalismus ist im Grunde das Gleiche wie bei allen Bindestrich-Liberalismen: Die Betonung der einen Seite und Negierung der Seite, die dieser vermeintlich gegensätzlich zugeodnet ist.
Sozialliberal als Negierung des Wirtschaftsliberalen verkennt meiner Meinung nach z. B. das soziale Leistungen nun mal bezahlt werden müssen.
Umgekehrt verkennen Wirtschaftsliberale, das es nun mal Personen gibt (und geben wird) die sich nicht selbst helfen können und Unterstützung vom Staat brauchen oder auch das es durchaus Situationen geben kann, in denen der Staat regulativ in einen Markt eingreifen muss.
Alles in Allem kranken die meisten Bindestrichliberalen daran, dass sie sich (damit sie ihren Bindestrich reinhalten *g*) meist nicht in der FDP engagieren oder wegen irgendeiner Nichtigkeit (meist nach einer sehr kurzen Zeit) wieder austreten, wenn sie doch mal eingetreten sind.
23Richard Beer
wrote on 31 Dezember 2010 at 8:00
Weil ich zun Beispiel nach drei Jahren feststellen musste das in der FDP auch ein Bindestrichliberalismus vorherrscht: Der “Ego-Liberalismus” der Yuppiejahre.
@Rayson
Deine Idee unterstellt das der Mensch an sich gut sein muss. Wäre er es nicht, führte das “um sich selber” kümmern zwangsläufig zur Ausmerzung der Schwächeren.
24John Dean
wrote on 31 Dezember 2010 at 8:23
Der Unterschied zwischen Linksliberalen und moderaten Sozialdemokraten mag mitunter recht klein wirken. Er ist es nicht. Aber – er ist gewiss kleiner als der Unterschied zu den klientelistischen und/oder Wirtschaftsmacht vergötzenden Rechtsliberalen, welche den FDP-Kurs bestimmen.
Der Unterschied zu den Sozialdemokraten? Oh, der ist sogar recht vielfältiger Natur, beginnend mit einem freiheitlich-staatskritischen (genauer gesagt: bürgerorientierten) Staatsverständnis (für einen Staat, der Freiheit zu gewährleisten hat) sowie einer (moderat – nicht radikal) antietatistischen Denktradition, welche in klaren Gegensatz zu sozialdemokratischer Programmatik und Tradition steht. Weitere Stichworte: Machtkritik, Staatskritik, Bildungspolitik, Chancengleichheit, Teilhabe, Anti-Autoritarismus, Vorstellung des “aktiven Bürgers”, Emanzipationsgedanke, Kritik von Wirtschaftsmacht, Organisierung von Wahlmöglichkeiten, Bevorzugung der Bildung von Wahloptionen gegenüber autoritären Gestaltungen (Beispiel: Tabakverbote).
Dann ist es die Themensetzung. Neben sozialen Fragen, bei denen mit Sozialdemokraten mitunter sehr viel Übereinstimmung besteht (allerdings nicht unbedingt in den Wegen, mit denen die Ziele erreicht werden sollen) betonen Linksliberale die Bürgerrechte sehr stark. Und im Gegensatz zu den auf wirtschaftliche Fragen überfokussierten Rechtsliberalen konzentreiren sich Linksliberale dabei besonders (!) die Rechte der Schwächeren in der Gesellschaft – also auch Arbeitnehmer, die von Arbeitgebern mitunter ausspioniert und verarscht werden, oder von Bloggern, die von einem widerwärtigsten Abmahnwesen in ihrer Äußerungsfreiheit beschnitten werden.
Was Rechtsliberale typischerweise überhaupt nicht interessiert…
Anders formuliert, wo Rechtsliberale in Arbeitnehmerschutz-Gestaltungen einen Anschlag auf “die Freiheit” vermuten, dort sehen Linksliberale eher den Ausdruck der Organisiserung von Bürgerrechten – Bürger im Betrieb.
(toller Begriff doch eigentlich, finde ich: Bürger im Betrieb)
P.S.
Soll ich mal in meinem Blog eine gründlichere und systematischer Darstellung der Unterschiede zwischen Linksliberalismus und Sozialdemokratie vornehmen (inkl. einiger gut begründeter Tiefschläge gegen den marktfundamentalistischen Rechtsliberalismus der heutigen Zeit) – und inklusive einiger historischer Ausflüge zu den Ahnen und Helden des Linksliberalismus?
Daran hätte ich viel Spaß, vorausgesetzt, dass es auf Interesse stößt – zumindestens seitens von Karsten. Ach, und ich könnte in neuen Jahr vielleicht einmal das politische Erbe von Ernst Abbe auswerten – was gerade für Linksliberale geradezu aufregend sein sollte.
(habe mir gerade umfangreich Texte von ihm besorgt – über 200 Seiten randvoll mit zumeist geistreichen, politischen Anmerkungen seitens dieses idealistischen Unternehmers, der sich als Person immer auch zugleich als Arbeitnehmer betrachtet und für soziale und an Fortschritt orientierte politische Fragen in einer Weise offen war, dass man sich einen Ernst Abbe der heutigen Zeit herbeiwünscht – als Linksliberaler jedenfalls)
Hach! Ein frohes neues Jahr an alle !! – das geht auch an die Sozialstaatsverächter und Sarrazinfreunde vom rechten Blogufer.
P.P.S.
Genossen, Freunde, Blogger und so: Lasst es knallen!
(wobei mir bunte Farbspiele noch besser gefallen)
Und war das alte Jahr für mich auch ein Fluch
Im Neuen wird von mir der Fortschritt gesucht
P.P.P.S.
Hat jemand eine Idee, wie man sich ohne eigene Domain ein Wiki aufsetzen könnte – oder würde jemand mir evtl. eine Domain zu diesem Zweck überlassen?
Ich würde nämlich ganz gern ein “linksliberales Wiki-Politopedia” (oder so) aufsetzen inkl. Veranstaltungskalender. Wackere Mitkämpfer/Schreiber/Autoren/innen sind natürlich auch hochwillkommen.
P.P.P.P.S.
Freuden an Unternehmungen und unternehmerisches Handeln: Auch darin unterscheidet sich – graduell jedenfalls – der Linksliberalismus von Sozialdemokratismus.
25Richard Beer
wrote on 31 Dezember 2010 at 9:32
@John Dean
Danke! Eins der besten Statements zum Soz-Lib seid langen!
setz dich mit mir in Verbindung, ich würde Dir eine Domain überlassen.
26linksundliberal
wrote on 31 Dezember 2010 at 10:38
@John Dean:
Dass dein Blog stets eine interessierte Leserschaft hatte, weißt Du doch – und ich bin mir sicher, dass auch nach einer langen Pause der eine oder andere Feedreader wieder anspringt, wenn Du wieder schreibst.
Mehr zu Ernst Abbe (habe gerade mal den Wiki-Beitrag gelesen, weil mir der Name nur sehr ungefähr etwas sagte) würde mich auf jeden Fall interessieren, theoretische Erörterungen zum Linksliberalismus natürlich ebenfalls.
@Richard Beer:
“Der Morgen”, Deans Blog, ist ohnehin sehr lesenswert. Auch, wenn der Autor dazu neigt, sich Feinde zu schaffen.
@all:
Einen Guten Rutsch wünsche ich allen, denen, die heute Abend feiern ebenso wie jenen, die wie meine Wenigkeit in dieser Nacht arbeiten!
27Rayson
wrote on 31 Dezember 2010 at 19:32
@Richard Beer
Also erstens hast du das “dürfen” entweder überlesen oder du verbindest eine andere Bedeutung damit.
Und zweitens halte ich den Begriff “Ausmerzung der Schwächeren”, sofern er sich gegen liberale Überzeugungen wenden soll, für eine absurde Entgleisung. Man muss nicht gleich in der ersten Antwort einen Godwin bringen.
28John Dean
wrote on 31 Dezember 2010 at 21:43
Ach, Rayson. Dein eilfertig empörtes Sichaufregen über Godwin ist ein Eigentor – eines, das du typischerweise nur schwer oder sogar garnicht erkennen kannst. Manchmal schlägt deine Debattierkunst und – lust dir selbst einen Haken…
Ich erklär es dir mal: Das “Ausmerzen der Schwächeren” bzw. genauer gesagt, die Unterminierung der Interessen und Rechtspositionen der Schwächeren wäre und ist – das behaupten jedenfalls Linksliberale (und Sozialdemokraten, Linke und anständige Grüne) – durchaus auch eine Folge, wenn sich das Verständnis und das Funktionieren von Staat und Gesellschaft an einem “Ego-Liberalismus” orientieren, genauer gesagt, an einem marktfundamentalistischen Rechtsliberalismus, der aufgrund seiner philosophischen und programmatischen Schwäche nicht nur die Schutzwürdigkeit von Schwächeren so fundamental unterschätzt wie er zugleich die Selbstheilungskräfte von marktformierten sozialen Institutionen systematisch überschätzt (übrigens: auch das Vergötzen von Markt- und Eigentumsprinzip ist eine “Anmaßung von Wissen”), während er darüber hinaus auch noch verkennt, dass seine gegenwärtige Struktur, sowohl im politphilosopischen Ideal (Eigentumsrechte überbetonender Rechtslibertarismus) als auch in seinen realen politischen Erscheinungen von Partikularinteressen der Wohl- und Bestbegüterten deformiert ist, was sich u.a. in seiner absurden, ja sogar sektiererischen “Klimakritiker”-Haltung zeigt, hinter der letzten Endes nicht etwa Vernunft steckt (das wäre nämlich eher, die mangelnde Eignung und die ökonomische/soziale Ineffizienz der gegenwärtigen Klimapolitik zu kritisieren), sondern klare Klientelinteressen bestimmter Industrieller, welche die Verbreitung und Hervorbringung dieses geistigen Dünnfugs umfangreich finanzieren und fördern.
Alles klar? Dann:
Auf ins neue Jahr!
(vorher nicht…)
29Luis Fernández Vidaud
wrote on 31 März 2011 at 12:16
Inzwischen gibt es auf facebook einige Seiten zum Linksliberalismus wie folgt:
Linksliberalismus in Deutschland
Berliner Linksliberale für die Entfaltung eigener Lebensräume
Liberale Gewerkschaftler in Deutschland
Liberale gegen Armut
Ihr
Luis
30freiburgerkreis2020
wrote on 3 Februar 2012 at 1:08
Der ‚Freiburgerkreis 2020‘ ist eine Initiative Freier Demokraten, die es für notwendig erachten, das die Impulse der ‚Freiburger Thesen‘ auch in der Zukunft Bestand in der FDP haben.
Mit der Zielrichtung 2020 soll der Geist des 22. Bundesparteitages im deutschen Liberalismus immanent bleiben. „Liberalismus bedeutet demgemäß nicht Freiheit und Würde einer Schicht, sondern persönliche Freiheit und Menschenwürde der größtmöglichen Zahl. Freiheit und Gleichheit sind nicht nur Gegensätze, sondern bedingen einander.“ so das auf dem Freiburger Parteitag verabschiedete Programm. Herzlich willkommen beim Freiburgerkreis 2020.
31Luis Fernández Vidaud
wrote on 3 Februar 2012 at 13:18
Der Liberalismus ist am Ende. Steig aus dem sinkenden Schiff aus, ehe es zu spät ist.
Luis
32David
wrote on 8 Februar 2012 at 22:44
Welche Spielart des Illiberalismus empfiehlst Du?