Berliner Zeitung: “Innocence in Danger” bringt seriöse Prävention in Gefahr
Warum überrascht mich das überhaupt nicht?
In den Kreisen der seriösen Organisationen gilt die Tätigkeit des Vereins mittlerweile als kontraproduktiv. “Wir sind entsetzt über diese Machenschaften”, sagt ein Mitglied des Runden Tisches der Bundesregierung. “Wer minderjährige Missbrauchs-Opfer im Fernsehen präsentiert, der geht über Leichen.”
Undurchsichtige Finanzen, dubiose Methoden : Berliner Zeitung
Im Rahmen der Ausbildung zum Sozialarbeiter lernt man auch einiges über den Themenkomplex “Sexueller Missbrauch”. Aus dem dort erworbenen Wissen heraus ärgerte es mich von Anfang an, dass Frau Guttenbergs Verein “Innocence in Danger” und die von ihm mitgestaltete Sendung auf RTL2 ausgerechnet eine Randerscheinung (Ansprache im Internet) innerhalb einer Randerscheinung (Mißbrauch durch Fremde) in die öffentliche Aufmerksamkeit rückt. Natürlich ist die simple Wahrheit, dass Missbrauch eben vor allem innerhalb der Familie, in zweiter Linie in Schulen, Kirchengemeinden und Vereinen, stattfindet, für Konservative schwer zu ertragen. Aber diese Nebelkerzen, die da mit hoher Medienaufmerksamkeit gezündet werden, schaden seriöser Präventionsarbeit, leiten sowohl das Bewusstsein der Öffentlichkeit als auch entsprechende Fördermittel um und dienen mehr der Publicity für die beteiligten Personen als dem geheuchelten Anliegen.
Einem Verein, der kein Spendensiegel des DZI vorweisen kann, sollte man keine Spenden geben (vielleicht einmal abgesehen vom örtlichen Sportverein o. ä.). Gar keine, überhaupt keine, so einfach ist das. Der simple Hinweis auf die Gemeinnützigkeit bedeutet nur das Durchlaufen eines formalen Prozesses, in dem die Satzung und eine korrekte Steuererklärung eine Rolle spielen, nicht aber die Verwendung der Mittel überprüft wird. Dass “Innocence in Danger” ein solches Siegel nicht hat, überrascht mich, wie eingangs gesagt, überhaupt nicht. Warum sollte man glauben, dass ein Verein, der ein gutes Anliegen anscheinend nur vorschiebt, dann aber mehr auf Aufmerksamkeitsjagd geht, ordentlich mit den Spendengeldern umgeht, die bei ihm ankommen?
Mein Eindruck ist: Es geht um Glamour, nicht um Schutz für Kinder. Es geht um dramatische Bilder für RTL2, nicht um Hilfe für die Opfer solcher Verbrechen. Und es geht um Ablenkung, nicht um Aufklärung. Gerade bei einem solchen Thema einfach widerlich.
Der Vollständigkeit halber möchte ich aber auch auf eine Stellungnahme verweisen, die “Innocence in Danger”-Geschäftsführerin Julia von Weiler hier abgegeben hat. Frau von Weiler widerspricht dort mehreren der Vorwürfe aus der BZ, nimmt aber zu dem fachlichen Vorwurf (dass IID sich beim Missbrauchsthema auf eine Randerscheinung kapriziert) keine Stellung.
Edit 29.11. 18:09: Kleinere Formulierungsänderungen, Stellungnahme von IID eingefügt






1Niemand
wrote on 30 November 2010 at 20:31
Man sollte aber nicht ganz unerwähnt lassen, dass dies auch einem anderen Zweck erfüllt:
Man erweckt im Öffentlichen Bewusstsein mehr und mehr den Eindruck vom Internet als gefährlichen, verruchten Ort. Etwas, das reguliert werden muss.
Das Bild des Internets
in den Leitmediim Fernsehen war anfangs das eines “belanglosen” Ortes. Es wurden immer wieder Chats hervorgehoben (etwa in den Talkshows, Frauen flierten per Chat mit anderen Männern usw.) und Verschwörungsseiten. Ein Medium, in das erst die Öffentlich Rechtlichen und die diversen Zeitungen durch ihre Angebote Niveau gebracht haben.Für die Politik sind solche Formate auch deshalb interessant, weil sie die Akzeptanz von Netzsperren (die ja qua EU bald wieder auf dem Tisch kommen sollen) erhöhen.
Das heißt natürlich nicht, dass das eigentliche Problem dadurch weniger akut wird…
2linksundliberal
wrote on 30 November 2010 at 21:14
Naja, inwiefern da nun tatsächlich eine solche weitergehende Agenda angenommen werden kann, da habe ich schon meine Zweifel.
Nachdem ich die erste Version meines Artikels mehr “dahingeklatscht” habe, habe ich noch etwas weiter recherchiert (und darum auch die Stellungnahme von IiD verlinkt). Die ganze Angelegenheit zieht ja nun lustige Kreise mit juristischen Schritten, Verleumdungsklagen, und so weiter. Was ebenfalls bei mir eher den Eindruck persönlicher Eitelkeiten denn einer sachlichen Beschäftigung mit dem Thema erweckt, aber lassen wir das.
Fakt ist: Mein Vorwurf gilt (aber das schon seit längerem) weniger unmittelbar IiD als vielmehr den Medien, die hier völlig falsche Prioritäten setzen. Ob der Verein seine Mittel nun rechtmäßig verwendet oder nicht – er beschäftigt sich auf jeden Fall vor allem mit einem Randthema bei der wichtigen Diskussion über den Missbrauch von Kindern, und die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit sollte nicht so intensiv auf dieses Randthema gelenkt werden.
Übrigens frage ich mich auch sehr, wie hilfreich es ist, wenn sich nun der MdB-become-Blogger Tauss mit dem Thema beschäftigt.
3Christian Edom
wrote on 2 Dezember 2010 at 18:31
Es die “Berliner Zeitung” und nicht die “B.Z.” (ASV) gemeint.
4linksundliberal
wrote on 2 Dezember 2010 at 19:06
@CE:
Das wusste ich natürlich… ehrlich gesagt nicht. Danke für den Hinweis.