Die Freiheit, sich in den A… treten zu lassen

Mittwoch, 15 September 2010, 1:01 | Category : Diskriminierung, Gesellschaft, Wirtschaft
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Wer wirklich wissen will, warum sich viele Arbeitnehmer in unserem System trotz theoretischer Vertragsfreiheit eben nicht frei, sondern eingeschüchtert, bedroht und beherrscht fühlen, muss nur einen Blick auf die heutige Auswahl von “passiveagressivenotes.com” werfen. Dort finden sich folgende nette kleine Hinweise von Chefs an ihre Mitarbeiter:

“To better appreciate your job, imagine yourself without a paycheck” (“Um ihren Job besser würdigen zu können, stellen Sie sich sich selbst ohne Gehalt vor”)

“To the staff: If you cannot do your job, please feel free to find another one” (“An die Mitarbeiter: Wenn Sie ihren Job nicht machen können, suchen Sie sich gerne einen anderen”)

“To all employees: New Incentive plan – do your work, or get fired” (“An alle Angestellten: Neuer Motivationsplan – Machen Sie ihre Arbeit, oder wir schmeißen Sie raus”)

Wer das immer noch lustig findet, der hat vielleicht noch nie in einer Umgebung gearbeitet, in der ständige einseitige Vertragsänderungen und Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen mit dem lapidaren Kommentar “Wer dagegen ist, kann ja gehen” begründet werden (es ist übrigens erschreckend, wie viele gewerbliche Mitarbeiter keinen Arbeitsvertrag, geschweige denn eine gewerkschaftliche Vertretung kennen).

Wer der Ansicht ist, das sei schließlich richtig so, denn der Arbeitgeber gebe den Leuten ja schließlich ein Einkommen, das sie sonst nicht hätten, hat die reziproke Natur von Beschäftigungsverhältnissen irgendwie nicht kapiert – und muss dann auch jubeln, wenn in Boomzeiten Unternehmen pleite gehen, die keine Arbeiter mehr finden.

Und wer sich schließlich Verhältnisse wünscht, in denen solche Schilder (oder die eines mittlerweile bekannten Arztes) kritiklos akzeptiert werden, der ist ein Unmensch.

26 Comments for “Die Freiheit, sich in den A… treten zu lassen”

  1. 1Freiheitsliebe

    Eine interessanter Blog den ihr hier betreibt viel Erfolg

  2. 2Adrian

    Schlechte Menschen gibt es immer.

  3. 3linksundliberal

    Das stimmt.

    Lies mal die Kommentare zu dem ersten Link. Da finden sich ein paar.

  4. 4linksundliberal

    @Freiheitsliebe:
    Musste dich erst mal aus dem Spamfilter fischen; kurze Nettigkeiten sind Akismet äußerst verdächtig. Aber danke für das Lob, auch wenn “ihr” nur ich alleine bin. :)

  5. 5Klaus

    Karsten, was macht dich so sicher, dass diese Sprüche tatsächlich von Chefs stammen und ernst gemeint sind? Und falls es solche Fälle gibt – auf welche empirische Daten kannst du verweisen, dass solche Praktiken verbreitet sind? (hier oder in den USA)

  6. 6linksundliberal

    @Klaus:

    was macht dich so sicher, dass diese Sprüche tatsächlich von Chefs stammen und ernst gemeint sind?

    Zum Beispiel die Texte, mit denen die Bilder unterschrieben sind, die unter anderem die Berichte der Mitarbeiter enthalten. Könnte natürlich sein, dass das gelogen ist. Aber das könnte doch immer sein, oder nicht?
    Falls sie nicht ernst gemeint sein sollen, deuten sie trotzdem auf eine große soziale Inkompetenz des Chefs hin, wenn Du mich fragst.

    Übrigens habe ich nicht geschrieben, dass solche Schilder hier (oder in den USA) verbreitet seien. Über die USA habe ich eigentlich überhaupt nicht gesprochen, es ist nur eben so, dass die Schilder von dort stammen.

    Was die Empirie angeht: Ich kann da lediglich mit anekdotischer Evidenz aufwarten. Die ist aber ziemlich umfangreich. Und deckt sich mit den Beobachtungen, die auch Gewerkschaften machen. Wenn Du in Gesprächen mit Arbeitnehmern nicht oft den Hinweis hören solltest, dass man Beschwerden zurückzieht oder auf Rechte verzichtet, weil der Chef darauf aufmerksam macht, dass man ja auch woanders arbeiten könne, sollte mich das überraschen.

    Neben Kleinbetrieben dienen hier übrigens auch jüngste Medienberichte über allerlei Discounter im Drogerie-, Bekleidungs- und Lebensmittelbereich als Beispiele.

  7. 7Klaus

    @Karsten
    Bezüglich umfangreicher anekdotischer Evidenz: Ich nehme an, dass Chefs und Firmeninhaber auch gerne Auskunft geben über faule Mitarbeiter, über üble Sprüche die sie am Kopf geworfen bekommen, über Querulanten, diebisches Personal, mangelnde soziale Kompetenz im Umgang mit Kunden, usw. usf.

  8. 8Klaus

    Oh, ich muss mich entschuldigen. Es ist ja wirklich so schlimm: siehe hier und hier.

  9. 9linksundliberal

    @Klaus:
    Die Dilberts sind lustig.

    Und die Chefs, die ich kenne, berichten erstaunlich selten über solche Dinge. Nun sind deren Mitarbeiter aber auch definitiv nicht jene, die die haarsträubendsten Geschichten über den Umgang mit ihnen zu erzählen haben. Alteingesessene Familienunternehmen eben. Da hat man einen anderen Umgang mit den Menschen, nehme ich an.

  10. 10momorulez

    Ich kenne diese Sprüche, wenn auch nicht in schriftlicher Form, auch in- und auswendig, auch wenn sie mir gegenüber nie geäußert wurden und sie meiner persönlichen Mitarbeiterführung fremd wären. Die gibt es überall dort, wo es ein “Überangebot an Arbeitskräften” gibt, sozusagen automatisch. Deine ehemaligen Mitblogger kamen dann immer mit dem Beispiel des Buchhalters in Frankfurt, der so schwer zu finden sei, daß sich in diesem Fall diese Drohkulisse nicht anbieten würde.

    Ergänzend ist das geflügelte Wort der mir bekannten BWLer “Personalkosten sind die unangenehmsten Kosten” zu nennen, was ich als “Jungunternehmer” nicht bestätigen kann. Da sind die unangenehmsten Kosten die Bank-Zinsen.

    In der Tat gibt es eine auch mir bekannte, sehr lockere Moral gegenüber Dingen, die der “Unternehmer” finanziert hat – in der Firma, in der ich einst arbeitete, wurden amn Wochenende gelegentlich die H-Milch-Tüten und Obstkisten abgeräumt. Was ist da ja jetzt die Henne, was das Ei? Das war zumindest auch eine Reaktion auf Lohndrückerei und die blöden, oben zitierten Sprüche.

  11. 11Klaus

    @Karsten
    “Deine” Chefs sind vielleicht auch schlicht der Meinung, dass man unangenehme Erfahrungen auch nicht immer in die Welt hinaus posaunen sollte. Außerdem gibt es da eine kleine Asymmetrie bedenkt man, dass die meisten Deutschen Arbeitnehmer sind. Da macht man sich mit Wehgeschrei selten Freunde.

    Wie ja momorulez andeutet müsste man annehmen, dass eher die Leute am unteren Ende der Hackordnung davon betroffen sind. Obwohl ich gerne und viel über Zeitarbeitsfirmen schimpfe, bilden diese hier eher ein Puffer. Wenn man von der Einsatzfirma abgemeldet wird behält man i.d.R. den Zeitarbeitsjob, auch dann wenn es “Probleme” gab. Die Zeitarbeitsfirmen kennen ihre Pappenheimer (also Kunden und Mitarbeiter), da wird dann nicht gleich scharf geschossen.

  12. 12Rayson

    Dann will ich doch mal:

    Warum ist es schlimm, wenn jemand damit droht, dass ich ein Umfeld verlassen muss, in dem solche Leute arbeiten, die mir drohen wollen? Nichts besser als weg davon! Danke für die Enthüllung deines gestörten Charakters, mit dir will ich nichts mehr zu tun haben, such dir einen Dummen, der für dich arbeitet!

    Ich wage die These: Für die meisten qualifizierten Arbeit”nehmer” in Deutschland ist das alles andere als schlimm. Die können gehen, weil sie wieder etwas Adäquates finden. Und genau so soll es sein. Dass Chefs die Risikoscheu ihrer Mitarbeiter versuchen auszunutzen, mag für die Unfähigeren darunter eine kurzfristig wirksame Attraktivität ausstrahlen, aber in dieser unserer Wirtschaftslandschaft gewinnt man damit auf Dauer keinen Blumentopf.

    Ich sage das auch nicht in den luftleeren Raum hinein, sondern aus eigener Erfahrung. Ich glaube, wir können getrost davon ausgehen, dass ich nicht zur absoluten Elite Deutschlands gehöre, sondern ein eher durchschnittlicher Typ bin (bis auf die Neigung zum Bloggen und ein Faible für Frauen, die älter sind als ich ;-) ). Und dennoch hatte ich nie eine stärkere Position als seit ich praktisch wöchentlich kündbar bin. Ich musste aktiv dagegen arbeiten, dass Firmen mich auf Dauer beschäftigen wollten, weil ich das eben nicht mehr will. Ich kann mich auch noch gut an eine Begebenheit aus meiner Angestelltenzeit erinnern, als der Beiratsvorsitzende des mittelständischen Unternehmens, bei dem ich als Finanzchef angeheuert hatte, die Führungsmannschaft, also den GF und mich, zum partiellen Gehaltsverzicht aufforderte. Der GF nickte und gab nach, und ich sagte, dass ich dann leider gehen müsse. Rate mal, was herauskam.

    (Ich verfüge übrigens auch über Erfahrung auf der anderen Seite: Wenn Mitarbeiter sich quer stellen und du sie erdulden musst, weil du weißt, dass du keinen adäquaten Ersatz findest.)

    In solchen Positionen befinden sich zumindest bei uns viele Arbeit”nehmer”. Ein Problem wird es aber insbesondere für jene, die eher einfache Tätigkeiten zu verrichten gewohnt und aus Sicht des Arbeit”gebers” einfacher zu ersetzen sind. Dass deine zitierten Beispiele aus den USA kommen, ist kein Zufall. Dort sind die Arbeitnehmer oft weniger qualifiziert als hierzulande, und die Jobs erfordern auch nicht so viel Know-how. Deswegen gilt da mehr “hire and fire”. Aber eben auch “fire and hire”. Das heißt, wer so an die Luft gesetzt wird, bekommt auch eher wieder einen Job als jemand Vergleichbares bei uns.

    Das Problem ist nun, dass, wenn ich Gesetze erlassen, die den Arbeit”nehmer” schützen sollen, eben genau seine Chancen verringere, irgendwo anders einen adäquaten Job zu finden, weil die Anreize, in Arbeit zu investieren, für Unternehmer damit abnehmen. Ich schaffe so also erst das Problem, das ich dann als aus einem moralischen Defizit bestimmter Chefs entstehend brandmarke.

    Und so wird die Sache rund. Es gibt kaum Gesetze, die Leute wie mich schützen. Deswegen sind wir gesucht. Und wiederum deswegen haben wir einen großen Einfluss auf unsere Arbeitsbedingungen.

    Mehr Bildung bei mehr Freiheit ist der Schlüssel. Nicht für alles, aber für verdammt vieles.

  13. 13linksundliberal

    Hey, Rayson! :)

    Du weißt ja, dass es mich sehr freut, dass Du hier vorbeischaust. Und dann noch mit einem schönen Kommentar, das ist um so besser.

    Also will ich doch gleich mal darauf eingehen.

    Ich glaube, wir können getrost davon ausgehen, dass ich nicht zur absoluten Elite Deutschlands gehöre, sondern ein eher durchschnittlicher Typ bin

    Da widerspreche ich direkt. Also, nicht der Bemerkung, dass Du nicht zur “absoluten Elite” gehörst – ich vermute, wer da ist, hat sowieso keine Zeit, sich mit uns kleinen Bloggern abzugeben. Aber “eher durchschnittlich”? Nee, doch auch nicht. Du hast gefragte Qualifikationen. 23% jedes Jahrgangs sind Hochschulabsolventen, in den Jahrgängen, zu denen Du gehörst, eher weniger. Ziehen wir davon noch die “brotlosen Künste” ab… dann gehörst Du vielleicht noch nicht zur Elite (nicht der absoluten, wohlgemerkt), aber doch schon zu denen, die von ihrer Qualifikation her privilegiert sind. Mittlerweile privilegiert, das füge ich gern noch hinzu – in Zeiten des Arbeitskräftemangels nivelliert sich schließlich auch dieser Unterschied.

    Dass deine zitierten Beispiele aus den USA kommen, ist kein Zufall.

    Dass das keine echten “Beispiele” waren, sondern extreme Aufhänger für einen Rant, ist doch wohl klar, oder?

    Ich musste aktiv dagegen arbeiten, dass Firmen mich auf Dauer beschäftigen wollten, weil ich das eben nicht mehr will.

    Das kann ich sogar verstehen. Ich leiste in meiner kleinen Selbständigkeit wohl gute Arbeit (jedenfalls werden die Kunden mehr, das deutet darauf hin). Unseren prinzipiellen Lebensunterhalt sichern Arbeit und Lebensleistung meines Mannes, also kann ich daran arbeiten, meine unternehmerischen Aktivitäten langsam, aber sicher auszuweiten. Würde mir nun jemand eine Festanstellung anbieten, so würde ich alleinstehend ganz sicher zugreifen, unter den gegebenen Umständen aber vielleicht überlegen, ob mir nicht ein weiteres selbständiges Arbeiten in einigen Jahren mehr bringt. Aber: Eine solche Perspektive ist ein Privileg. Eines, das mich glücklich ereilt hat, das Du dir sicher hart erarbeiten musstest. Aber es bleibt ein Privileg.

    Weiter:

    Keiner von uns beiden ist einer von denen, die vor 25 Jahren, im Alter von 26, nacheinander zwei Kinder in die Welt gesetzt haben und dann ein Haus gebaut haben, alles im Vertrauen darauf, dass das System, das ihnen die Sicherheit versprochen hat, auch so bleiben wird, wie es ist. “Hire and fire and hire and fire” ist für uns beide eine vernünftige Art, ein Wirtschaftssystem zu organisieren. Wir unterscheiden uns doch vor allem in der Frage, um wie viel es vernünftiger ist als die traditionelle Lösung des “festen versicherungspflichtigen kündigungsgeschützten Arbeitsplatzes”. Aber über die Menschen in diesem Land kam es wie ein Erdbeben, binnen weniger Jahre (nicht einmal Jahrzehnte!). Ein guter Freund von mir ist nicht einmal vierzig, er wurde nach der Lehre eingestellt mit der Aussicht, sein ganzes Arbeitsleben geordnet und vorkalkuliert zu verbringen – und jetzt ist alles völlig anders. Was nicht sein Fehler ist, durchaus aber sein Problem.

    Dann kann ich noch einiges von dem drehen (drehen? Ich sollte mich als SpinDoctor bewerben!), was Du schreibst:

    Und so wird die Sache rund. Es gibt kaum Gesetze, die Leute wie mich schützen. Deswegen sind wir gesucht. Und wiederum deswegen haben wir einen großen Einfluss auf unsere Arbeitsbedingungen.

    Ihr seid gesucht, weil ihr attraktive Qualifikationen anzubieten habt. Deswegen habt ihr großen Einfluss auf eure Arbeitsbedingungen, denn ihr könnt sie ja tatsächlich aushandeln (ihr müsst sie nicht erbetteln, ihr seid nicht so leicht ersetzbar). Und deswegen gibt es kaum Gesetze, die euch schützen. Denn: Ihr braucht sie nicht.

    Das Problem ist nun, dass, wenn ich Gesetze erlassen, die den Arbeit”nehmer” schützen sollen, eben genau seine Chancen verringere, irgendwo anders einen adäquaten Job zu finden,

    Die Anführungsstriche sollten wir weglassen. Ich habe sie auch schon verwendet, aber einen feststehenden Begriff ändern wir zwei eh nicht.

    Gegeben sind folgende Wahrscheinlichkeitsverteilungen für gering qualifizierte Arbeiter:
    Entlassung bei Protest gegen Willkür: 70%
    Chance, einen neuen Job zu finden: 4%

    Ein Gesetz halbiert beide Chancen. Mein Gott, wäre ich dafür, wenn ich ein gering qualifizierter Arbeiter wäre.

    Nehmen wir ein Gegenbeispiel an, das einen höher qualifizierten Angestellten betrifft:
    Entlassung bei Protest gegen Willkür: 20%
    Chance, einen neuen Job zu finden: 40%

    Und schon bin ich nicht mehr so dafür. Weil ich aller Wahrscheinlichkeit nach meinen Mund aufmachen kann, verhandeln kann, kämpfen kann. Und wenn ich verliere, habe ich immer noch gute Chancen darauf, nicht das Basisgeld der Frau vdL zu bekommen. Ergo bin ich gegen das Halbierungsgesetz.

  14. 14Rayson

    @Karsten

    Mit der Qualifikation hat es nur insoweit etwas zu tun, als sie nötig ist, um ein hohes Einkommen zu erzielen. Wenn ich ein Gehalt kassieren würde, das aus Marktsicht zu hoch für meinen Beitrag ist, dann hätte ich es auch schwer, zu denselben Konditionen einen neuen Job zu finden, wenn ich gehen muss.

    Bei den geringer Qualifizierten ist das auch so. Deine für die vorgegebene 4%-Wahrscheinlichkeit, einen neuen Job zu finden, wäre, selbst wenn sie stimmte, kein Naturgesetz, sondern eine Folge zu hoher Lohnuntergrenzen. Mindestlöhne z.B. würden das eher noch verschlimmern.

    Dass die Auflösung der Illusion des bis ans Lebensende sicheren voll sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatzes an ein und demselben Ort schneller gekommen ist, als sich menschliche Lebensentwürfe anpassen konnten, war wohl leider nicht zu verhindern. Das ist mit Strukturwandel in der letzten Zeit generell so. Aber der hört ja auch nicht auf, sondern wird immer weiter gehen.

    Der deutsche Arbeit”nehmer” (das war jetzt reiner Trotz ;-) ) hat nur dann eine Chance auf einen dem heutigen vergleichbaren Wohlstand, wenn er die Rolle des Abhängigen überwindet, der sich von Kollektiven an seinen richtigen Platz setzen lässt und für eine fest definierte Arbeitsleistung von einem Patron Versorgung und Schutz verlangt. Die neue Rolle wäre die eines Unternehmers seiner selbst, der der anderen Seite auf Augenhöhe gegenübertreten kann, weil das von ihm angebotene Produkt zu dem von ihm verlangten Preis attraktiv genug ist. Ob und wie sehr das gelingt, hängt aber weitestgehend von der Qualität der Ausbildung ab.

    Um so wichtiger ist es aber, denen, die da jetzt nachkommen, auch wenn es immer weniger werden, als wichtigste Botschaft mit auf den Weg zu geben: Lernen, lernen, lernen – und nie damit aufhören! Hört man zwar immer überall, aber richtig ernst nimmt es wohl keiner.

  15. 15Niemand

    Das Problem dürfte in Angelsächsichen Ländern nochmal anders aussehen als in Deutschland. Hier gibt es noch Betriebsräte, ein kompliziertes Kündigungsrecht und sowas wie Kurzarbeitergeld vom Staat, damit nur ja kein Job verloren geht.
    Ein Chef der sowas in die Rundmails setzen würde, der hätte hier in Deutschland wahrscheinlich gar keine Chance mehr, die Mitarbeiter zu entlassen, die das bekommen haben. Bis sie natürlich einen besseren Job haben, wer würde aus so einer Firma nicht fliehen wollen?

    P.S.: 1. Beitrag!

  16. 16Christian S.

    Zu glauben, dass Bildung alles ist, ist eine Illusion. Es können nicht alle Menschen Juristen, Bänker und Ärzte werden. Eigentlich logisch, oder?

  17. 17David

    Zumal wir ja auch auf natürlichem Wege durchschnittlich dümmer werden.

  18. 18Stefan B.

    @ Christian S.

    Das klingt im ersten Moment tatsächlich logisch.
    Allerdings müssen ja auch garnicht alle Menschen hochqualifizierte Jobs machen.

    Wenn auf 100 Stellen als Reinigungskraft allerdings nur 90 statt 120 Bewerbungen kommen muss der Lohn steigen.
    Die Knappheit macht den Preis.

  19. 19Christian S.

    Wenn auf 100 Stellen als Reinigungskraft allerdings nur 90 statt 120 Bewerbungen kommen muss der Lohn steigen.

    Stimmt. So ist es aber nicht.

  20. 20Rayson

    Es können nicht alle Menschen Juristen, Bänker und Ärzte werden.

    Womit die Palette der Qualifizierungen natürlich erschöpft wäre. Oder vielleicht ist gemeint, dass ein Einkommen unterhalb des Durchschnitts der drei genannten Berufsgruppen menschenunwürdig sei?

    Stimmt. So ist es aber nicht.

    Nicht betriebsindividuell, nicht kurzfristig. Langfristig allgemein ganz bestimmt, wenn man denn flexible Preise zulässt, also z.B. nicht eh schon ein zu hoher Tarif- oder Mindestlohn existiert. Wenn sich nicht die Preise anpassen können, passen sich die Mengen an.

  21. 21Christian S.

    Womit die Palette der Qualifizierungen natürlich erschöpft wäre. Oder vielleicht ist gemeint, dass ein Einkommen unterhalb des Durchschnitts der drei genannten Berufsgruppen menschenunwürdig sei?

    Dass das Beispiele waren, solltest sogar Du verstehen. :)

    Nicht betriebsindividuell, nicht kurzfristig. Langfristig allgemein ganz bestimmt, wenn man denn flexible Preise zulässt, also z.B. nicht eh schon ein zu hoher Tarif- oder Mindestlohn existiert. Wenn sich nicht die Preise anpassen können, passen sich die Mengen an.

    Schlicht und ergreifend falsch. Erst gesetzliche Vorgaben brachten den frühen Arbeitern Linderung.

  22. 22linksundliberal

    @CS:

    Schlicht und ergreifend falsch. Erst gesetzliche Vorgaben brachten den frühen Arbeitern Linderung.

    Diese kamen aber nicht in den Zeiten, als die Arbeitslosigkeit am höchsten und die Not am größten war, sondern erst zu einem Zeitpunkt, als der Bedarf am Produktionsfaktor Arbeit wieder deutlich anstieg…

    @Ray:

    Dass die Auflösung der Illusion des bis ans Lebensende sicheren voll sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatzes an ein und demselben Ort schneller gekommen ist, als sich menschliche Lebensentwürfe anpassen konnten, war wohl leider nicht zu verhindern. Das ist mit Strukturwandel in der letzten Zeit generell so. Aber der hört ja auch nicht auf, sondern wird immer weiter gehen.

    Weder die Globalisierung noch die Auflösung aller Handelsgrenzen noch die völlige Unterwerfung unter die wirtschaftlichen Interessen Chinas sind Naturgewalten. Sie sind durchaus Ergebnisse menschlicher Entscheidungen. Und ich behaupte: Doch, man hätte die Entwicklungen anders gestalten können, wenn man gewollt hätte.

    Der deutsche Arbeit”nehmer” (das war jetzt reiner Trotz ;-) ) hat nur dann eine Chance auf einen dem heutigen vergleichbaren Wohlstand, wenn er die Rolle des Abhängigen überwindet, der sich von Kollektiven an seinen richtigen Platz setzen lässt und für eine fest definierte Arbeitsleistung von einem Patron Versorgung und Schutz verlangt.

    Auch hier: Ergebnis von Entscheidungen, keine Naturgewalt. Und die Entscheidungen sind offensichtlich gegen die Wünsche einer Mehrzahl der Bevölkerung gefällt worden, die eben Wert auf ein stabiles Patron-Klient-Verhältnis legen. Ob das klug und zukunftsweisend ist, sei dahingestellt – es einfach abzuschaffen und den Leuten zu sagen: “Pech gehabt, ist halt so”, das funktioniert nicht sehr gut, wie wir sehen.

    @Bildungsdiskussion:
    Bis zu einem gewissen Grade teile ich Christians Ansichten. Wenn die Anzahl der niedrig qualifizierten Jobs sinkt, und sich alle höher qualifizieren, wird sich eben der Wettbewerb um die hochqualifizierten Jobs verschärfen. Und die Annahme, dass wir bei ansonsten begrenzten Ressourcen (Energie, Rohstoffe) die Produktion durch Maschinisierung so weit ausweiten könnten, dass für jeden ein hochqualifizierter Job zu bekommen wäre, ist doch eher eine Illusion.

  23. 23Rayson

    @Karsten

    Weder die Globalisierung noch die Auflösung aller Handelsgrenzen noch die völlige Unterwerfung unter die wirtschaftlichen Interessen Chinas sind Naturgewalten.

    Also Letzteres kann ich nicht erkennen. Und das andere ist natürlich Ergebnis von Entscheidungen. Entscheidungen allerdings, die speziell für Deutschland so gut wie unausweichlich sind. Wenn man denn das Wohlstandsniveau halten will. Ärmer werden ist immer eine mögliche Option.

    Und die Entscheidungen sind offensichtlich gegen die Wünsche einer Mehrzahl der Bevölkerung gefällt worden, die eben Wert auf ein stabiles Patron-Klient-Verhältnis legen.

    Wünsche sind keine Entscheidungsoptionen. Ich wünsche mir auch, dass Hertha mit einem Etat von 1000 Euro Deutscher Meister wird. Entscheidungen erfolgen daher immer vor gegebenen Alternativen. Man hätte die höhere Flexibilität tatsächlich auch gegen niedrigere Reallöhne oder höhere Arbeitslosigkeit eintauschen können. Ohne Absicherung nach unten übrigens. Ich bezweifle, ob das den Wünschen der Mehrheit der Bevölkerung eher entsprochen hätte.

    es einfach abzuschaffen und den Leuten zu sagen: “Pech gehabt, ist halt so”, das funktioniert nicht sehr gut, wie wir sehen.

    Tut es nicht? Hm. Aber “einfach abgeschafft” hat da keiner was. Der Druck auf die alten Strukturen ergibt sich aus den Randbedingungen und den von vielen Menschen individuell angestrebten Zielen.

    Wenn die Anzahl der niedrig qualifizierten Jobs sinkt, und sich alle höher qualifizieren, wird sich eben der Wettbewerb um die hochqualifizierten Jobs verschärfen.

    Unter der Annahme, dass Jobs ein einmal gebackener Kuchen sind, den es dann zu verteilen gilt. Diese Annahme ist allerdings unzutreffend.

  24. 24Christian S.

    Ich gehe nicht davon aus, dass Arbeit endlich ist. ;-) Aber sie wird nicht ordentlich bezahlt. Das Kombilohn-Modell passt mir schlicht und ergreifend nicht.

  25. 25Stefan B.

    @Christian S.

    Stimmt.

    Dann haben wir hier schonmal nen Konsens.

    So ist es aber nicht.

    Stimmt. Zeigt aber, dass eben dieser Zustand …

    Es können nicht alle Menschen Juristen, Bänker und Ärzte werden. Eigentlich logisch, oder?

    … garnicht nötig ist. Da es der Sache schon dienlich ist, wenn man die Zahl der Geringqualifizierten verringert.

    Ansonsten wär noch das Steigen der unbesetzen Ausbildungs- und Arbeitsplätzen zu erwähnen, welches ja auch ein Produkt mangelnder Qualifikation ist.

    Deshalb kann ich Deine Meinung nicht komplett teilen. Natürlich ist Bildung nicht alles(!), aber sicher einer der größten Knackpunkte in der Problematik.
    —————————————————-

    @Rayson

    Entscheidungen allerdings, die speziell für Deutschland so gut wie unausweichlich sind. Wenn man denn das Wohlstandsniveau halten will.

    Das durch Marktöffnung unser Wohlstandsnivau kurzfristig sinkt kann ich so unterschreiben. Langsfristig würde der Gesamtwohlstand steigen. Nicht allein deshalb ist das aktuelle Verhalten mMn nicht tragbar.
    Auf der einen Seite hält man die Entwicklungsländer mit Einfuhrbeschränkungen und Subventionen von unseren Märken weg. Auf der anderen Seite schiebt die Regierung massig Entwicklungshilfegeld in diese Staaten, welches dort nicht zum angeblich gewünschten Ergebnis führt.
    Statt dieses Geld zu verschwenden (was ja auch den Wohlstand senkt) könnten wir diese Länder auch einfach an unseren Märkten nach und nach teilhaben lassen.
    Damit wär wohl allen mehr geholfen.

    Ärmer werden ist immer eine mögliche Option.

    Jetzt kommt ein bischen Polemik, ich bitte das im voraus zu entschuldigen.

    Solange unsere Unterschicht immer fetter wird, weil sie zu wenig Geld hat um weniger zu fressen, kann man verhungernde Menschen moralisch schwer mit Wohlstanderhaltung rechtfertigen.

    Soweit meine Meinung. Jetzt dürft Ihr mich natürlich gern zerreisen ;-)

    Schöne Grüße

    Stefan B.

  26. 26John Dean

    @ Rayson / all

    Ich finde, es stellt ein gewisses Problem dar, wenn Weltanschauung in erster Linie das Ergebnis des eigenen Schauens ist und der eigenen Ansichten und Problemlagen. Das ist zwar legitim – mitunter sogar notwendig als Korrektiv zu “Kollektivierungen” bzw. Unterwerfungen der individuellen Sicht unter ein wie auch immer verstandenes Allgemeine – aber es erzeugt zugleich eine inadäquate Problemsicht, dann nämlich, zum Beispiel, wenn faktische Problemlagen einer Mehrheit von Menschen außer Betracht bleiben bzw. klein geredet werden. Verschärft wird so ein Effekt, wenn in einer Demokratie die Repräsentanten sich eklatant unterscheiden von den Repräsentierten – und auf diese Weise eine Entkopplung von der Wirklichkeit der Mehrheit der Bevölkerung entsteht.

    @ all

    Man kann das Problem privater Macht und Machtausübung (z.B. in Gestalt von Arbeitgebermacht) nicht dadurch für nichtexistent erklären, dass man für sich selbst einen Weg gefunden hat, um den unangenehmeren Formen dieser Machtausübung aus dem Weg zu gehen.

    Karsten hat doch sehr schön dargestellt, wie abhängig die Lage eines abhängig Beschäftigten sein kann, sobald er mit erheblichen Schwierigkeiten bei der Findung eines neuen Jobs rechnen muss. Was nützen einem durchschnittlichen 42-jährigen Arbeitnehmer die über viele Jahre erworbenen Spezialkenntnisse, die er für einen Arbeitgeber erworben hat, z.B. Maschinenbedienung, Besonderheiten des jeweiligen betrieblichen Ablaufs u.v.m.?

    Nicht unbedingt sehr viel. Es hängt wohl auch von der Branche und der jeweiligen Tätigkeit ab – aber schon ein ziemlich durchschnittlicher Job als “Sachbearbeiter” zeigt, dass ein auch ein gut qualifizierter, durchschnittlicher Arbeitnehmer keineswegs vom Arbeitsmarkt mit Kusshand genommen wird – zumal er im Fall der Kündigung in Konkurrenz zu jenen steht, die für 1000 oder 1500 Euro brutto zu arbeiten bereit sind – bei insgesamt gleichen Kenntnis- und Fähigkeitenstand.

    Und davon ernähre man mal eine Familie bzw. bezahle ein Haus ab…

    Dazu kommt noch etwas anderes: Ein jeder (durchschnittlicher) Mensch schätzt eine gewisse Stabilität seiner “sozialen Parameter”, das heißt, sein Umfeld, sein Arbeitsumfeld, seinen Wohlstand, sein familiäres Umfeld, wie er als Mensch wahr genommen wird usw.

    Dummerweise hängt all dies in beachtlichen Maß von der Arbeit ab – und nur die wenigsten Menschen schätzen einen wilden Ritt zwischen einem Bettler, der Essensreste und Pfandflaschen aus Mülltonnen klaubt, verschiedenen prekären Beschäftigugngsverhältnissen und einer gutbezahlten Fachkraft. Im Gegenteil, ein Leben am ständigen Abgrund von Hire and Fire würde die meisten Menschen kaputt machen.

    Aus Arbeitgebersicht mag das unerheblich sein – denn “der Markt gibt das ja her”. Es findet sich immer jemand, der einen nicht übermäßig überdurchschnittlichen Job erledigt. Der jeweilig beschäftigte Arbeitnehmer ist i.d.R. ein weitgehend austauschbarer Einsatzfaktor im betrieblichen Geschehen, im Grunde genommen eine Art (am Arbeitsmarkt) handelbare Ware mit produktiven Fähigkeiten.

    Aus Sicht des abhängig Beschäftigten hängt da allerdings noch mehr dran. Selbst, wenn er es gelernt haben sollte, sich als “Arbeitsware” einigermaßen optimal anzubieten (nur: wie viele Menschen können das schon?), um auf diesem Weg eine gewisse Unabhängigkeit zu erlangen, so hängt eben doch sein ganzes Leben dran, mit allen Konsequenzen – die nicht einmal vollständig bedacht werden, im Fall der Fälle, sondern sich in der Regel im Nachhinein sehr unangenehm (Beispiel: Umzugskosten) bemerkbar machen.

    Es ist auch nicht so, dass für den durchschnittlichen abhängig Beschäftigten ein fleißiges Wechseln seines Arbeitgebers (z.B. in der Hoffnung auf besseres Entgelt oder Arbeitsbedingungen) ohne Risiko ist. Im Gegenteil: Das Risiko des durchschnittlichen Arbeitnehmers ist hoch!

    Sobald er an seiner neuen Arbeitsstelle scheitert (nach seriösen Schätzungen beträgt die durchschnittliche Wahrscheinlichkeit dafür beachtliche 30 bis 40 Prozent), beginnt für ihn eine Abwärtsspirale, die aber keineswegs durch seine Fähigkeiten und Kenntnisse aufgefangen wird. Bereits zwei Jahre Arbeitslosigkeit machen einen Arbeitnehmer für die meisten Arbeitgeber, ohne Ansehen seiner Person und Fähigkeiten, völlig uninteressant.

    Der Arbeitgeber hingegen (einen ungleichgewichtigen Arbeitsmarkt mit hoher Arbeitslosigkeit voraus gesetzt – also den Standard von OECD-Staaten) trägt zwar auch ein Risiko im Fall eines neuen Arbeitsvertrages, aber er kann im Fall des Scheiterns einfach den nächsten Arbeitnehmer ausprobieren. Es wird dadurch nur in den seltensten Fällen eine Abwärtsspirale ausgelöst (allenfalls dann, wenn ein Arbeitgeber in Sachen Personalführung komplett versagen sollte und seine Arbeitnehmer ständig vergrault).

    Anders gesagt: Das Ungleichgewicht des Arbeitsmarktes und die besondere existentielle (!) Bedeutung des Arbeitsverhältnisses bewirken einerseits ein massives Ungleichgewicht der Machtverhältnisse (zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer), aber wichtiger noch (und zu selten diskkutiert), es verschiebt sich damit ganz eklatant die Risikoposition der Betroffenen.

    Und so erklärt sich, im Grunde genommen rational, dass beinahe die komplette Mittelschicht in Deutschland (ausgenommen Beamte und jene, die tatsächlich verlust- und risikofrei ihren Arbeitsplatz wechseln könnten) mittlerweile von Abstiegsängsten geprägt ist. Nur ein Anzeichen dafür (unter vielen anderen): Die Studenten von heute sind Anpasser und Angsthasen in einem geradezu erschreckenden Ausmaß.

    (und doch wird ein erheblicher Teil von ihnen nach der Ausbildung jahre- oder sogar lebenslang in prekären Arbeitsverhältnissen straucheln)

    Man kann meiner Meinung nach den Machtmissbrauch durch Arbeitgeber, aufgrund ihrer tatsächlichen erheblichen Machtposition, nicht allein (teils aber schon) auf individuelles Fehlverhalten des jeweiligen Arbeitgebers schieben.

    Macht verändert! Und nur wenige Menschen (auch nur wenige Arbeitgeber!) sind in der Lage, damit vernünftig umzugehen. Schlimmer noch – sie befinden sich mit ihrem Betrieb ja selbst in einem systemischen Verhältnis zur gesellschaftlichen Gesamtsituation. Wenn es in einer Branche üblich wird, einen erheblichen Anteil der Beschäftigten auf amoralische Weise prekär zu beschäftigen, dann entsteht dabei i.d.R. zugleich ein spezifisches Konkurrenzverhältnis zwischen den verschiedenen Betrieben dieser Branche, und zwar dahingehend, dass nur noch eine ausbeuterische Betriebsführung gewinnversprechend ist.

    Beispiel: Die Gewinne der Hotelbranche mögen alles in allem in etwa gleich geblieben sein (in den letzten Jahrzehnten). Aber für die Arbeitnehmer hat sich in dieser Branche eine erschreckende Abwärtsdynamik ergeben.

    Das Witzige (wenn man es so einschätzt) daran ist, dass beispielsweise ein durchgesetzter Mindestlohn (zur Bekämpfung der oft schon sittenwidrigen Prekarisierungstendenzen) in dieser Branche ebenfalls die wechselseitigen Konkurrenzverhältnisse der Betriebe prägen würde, und zwar dahin gehend, dass sich nach Einführung von Mindestlöhnen die relative Wettbewerbsposition der Betriebe untereinander garnicht (!) ändert. Es werden nach dieser Maßnahme auch insgesamt nicht weniger Hotelübernachtungen stattfinden, weil ein Hotelbett statt 42 Euro dann im Durchschnitt 43 Euro kosten würde.

    (Gegenbeleg: Die Senkung der MwSt für Hotelbetriebe hat nicht die allergeringste Erhöhung der Übernachtungszahlen bewirkt)

    Bestimmte, gesellschaftlich gebotene Regelungen zur Verhinderung des Machtmissbrauchs privater Wirtschaftsmacht (z.B. adäquate Mindestlöhne – keineswegs zu hohe!) verändern das Wetttbewerbsgeschehen und die betrieblichen Dispositionsspielräume, sofern sie flächendeckend geschehen, überhaupt nicht!

    Aber das Leben der betroffenen Arbeitnehmer: Das würde sich verändern – zum Guten. Man entkommt dieser gesellschaftlichen Perspektive nicht, indem man für sich selbst einen freien (oder auch nur vermeintlich freien) Weg der Selbstständigkeit beschreitet, jedenfalls dann nicht, wenn man über gesellschaftliche Fragen diskutiert.

    Die meisten Menschen eignen sich nicht für eine Selbstständigkeit – und doch haben sie Schutz verdient, obgleich diese Denkweise nicht marktlibertären Auffassungen passt.

    Marktprozesse sind sozial weitgehend blind – “der” Markt löst eben nicht alle Probleme – jedenfalls nicht von sich aus. Erst eine maßvolle Rahmensetzung führt dazu, dass Marktprozesse zum Wohl aller beitragen.

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