Wie man “links und liberal”, aber nicht sozialdemokratisch ist
Warum ich immer noch nicht die Konsequenz aus meiner oft harten Krtik an der eigenen Partei gezogen und mich stattdessen der Sozialdemokratie zugewandt habe, habe ich wieder einmal festgestellt, als ich diesen Beitrag von Christian Soeder gelesen habe. Christian schreibt:
Was mich an Sarrazin am meisten ärgert, das wird mir gerade klar: seine Schlussfolgerungen aus seinen Beobachtungen und Annahmen finde ich zu großen Teilen richtig, nämlich: Kita-Pflicht für alle Kinder ab dem dritten Lebensjahr, Deutsch-Pflicht, Ganztags– und Gemeinschaftsschulen, alle fördern, die hier leben.
“Alle fördern, die hier leben” – naja, das ist einfach zu bejahen, was vor allem an der Belanglosigkeit der Aussage liegt. Denn wer wäre nicht für Förderung? Streiten tun wir uns doch immer nur bei den Forderungen (bzw. auch mal bei der Finanzierung dieser oder jener Förderung).
Deutsch-Pflicht: Hier ist die Frage, wie sie aussehen soll. Setzen wir Deutsch als Amtssprache durch? Das würde bedeuten, dass es keine fremdsprachigen Formulare mehr gibt, dass es keine staatlich gestellten Dolmetscher mehr gibt, dass jeder, der mit unseren staatlichen Organen interagieren will, deutsch sprechen muss. Ganz persönlich fände ich das okay, es ist nur leider nicht mit EU-Recht zu vereinbaren. Und weitergehende Forderungen, wie ich sie mancherorts gefunden habe, erhebt Christian sicherlich nicht – niemand wird wohl das Sprechen einer anderen Sprache als Deutsch auf Schulhöfen oder gar im privaten Umfeld verbieten wollen.
Kommen wir also zu den echten Krachern: Kita-Pflicht und (davon gehe ich einmal aus) verpflichtende Ganztagsschulen. Diese Forderungen kann ich absolut nicht teilen. Die Erziehung unserer Kinder – soweit sie überhaupt gesteuert stattfindet (Peer Group, Medien, ungesteuerter Kontakte) – liegt bereits jetzt zu einem beachtlichen Anteil in der Hand staatlicher bzw. staatlich kontrollierter Institutionen. Ob staatlicher Kindergarten, staatliche Grundschule, staatliche weiterführende Schule, vor allem mit dem Argument der (durchaus notwendigen) Bildung wurde auch ein erheblicher Teil der Sozialisation der Kinder Pädagogen des öffentlichen Dienstes anvertraut. Wollen wir diesen Zugriff des Staates auf die Erziehung und Sozialisation wirklich weiter ausdehnen, verpflichtend, per Gesetz?
Wer in den 80er und 90er Jahren zur Schule gegangen ist, kann bestätigen, dass ein erheblicher Teil der Lehrerschaft und auch der Erzieher bestimmten politischen und gesellschaftlichen Ansichten nahestand. Das Engagement für Ökologie und soziale Gerechtigkeit war (und ist?) hier besonders ausgeprägt, ein Eintreten für andere ökonomische Sichtweisen eher ungewöhnlich. Das hängt sicher auch mit der Ausbildung der Pädagogen zusammen, die sich auch auf deren persönliche Sicht auf das Leben auswirkt (wobei auch hier “Moden” eine Rolle spielen). Das ist schön und gut, da ja hier auch wichtige Elemente des sozialen Lebens angesprochen und den Kindern vermittelt werden. Aber muss die Konfrontation mit dieser Sichtweise die einzige sein, die den Kindern zuteil wird? Oder sollte neben diesem sehr einheitlichen System der Vermittlung von Werten nicht auch die individuelle Wertevermittlung durch die Eltern eine große Rolle spielen?
Es geht ja eben nicht nur um sich selbst ausgrenzende Migranten und Kinder von Menschen, die sich für die Erziehung ihrer Kinder keine Zeit nehmen wollen. Es geht auch um die Kinder ganz anderer Familien, in denen Mütter und Väter auf Halbtags- und Dreiviertelstellen die Kinder reihum in verschiedenen Haushalten spielen lassen, wo sie ganz unterschiedliche Sichtweisen auf die Welt kennenlernen. Es geht nicht nur um Familien, wo die Mutter alleine zuhause bleibt, um das Kind ganz im Sinne konservativer christlicher oder islamischer Tugenden aufzuziehen, sondern auch um solche, in denen mit Hilfe von Großeltern, Verwandten und/oder Bekannten eine breite Palette verschiedener Lebenseinstellungen beobachtet werden.
Und es geht tatsächlich auch um die Frage, ob man in einer freiheitlichen Gesellschaft nicht auch das Recht haben sollte, sein Kind sehr religiös und/oder mit außergewöhnlichen Ansichten zu erziehen, wie es etwa auch die progressiven Eltern der 70er Jahre für sich beansprucht haben, als sie die Kinder in alternativ-ökologischer Weltsicht erzogen haben. Das aber nur nebenbei.
Edit: Ich habe zwei inhaltliche Änderungen vorgenommen, die mir aufgrund von momorulez’ Anmerkungen unten sinnvoll erschienen. Diese Änderungen sind kursiv gekennzeichnet.







1Christian S.
wrote on 29 August 2010 at 19:02
Nuja. Das ist ja keine Mehrheitsmeinung in der SPD, was ich schreibe. Insofern könntest Du Dich beruhigt der SPD zuwenden.
2momorulez
wrote on 29 August 2010 at 19:21
Da haste jetzt aber gleich zwei Knaller – mindestens – eingebaut.
Vielleicht die Sichtweise auf Ökonomie, die Deine noch oder ehemaligen Mitblogger vertreten. Ökologie IST auch eine ökonomische Sichtweise. Und ich als etwas älterer, Abi ’86, also durchaus noch in den 80ern zur Schule gegangen, durfte ja durchaus noch z.B. über Marx und Keynes lernen. Und Problem wurde dann, dass keiner sich mehr traute, Marx zu vertreten.
Und:
Also, Migrantenfamilien als “annormal” zu bezeichnen, das ist echt bezeichend. Unten rechts den Foucault hin stellen, und hier so unbedarft von “Normalität” reden, das ist schon lustig und eigentlich nich Dein Niveau. In Köln-Mühlheim sind “Migranten”, wasauchimmerdasimallgemeinenheißensoll, Normalität. Hier in meinem Viertel auch. Anormal im streng deskriptiven Sinne sind die an der Elbchaussee, normal sind 8 Millionen Hartz IV-Empfänger oder wie viel das auch gerade direkt und indirekt sind.
Ich bin normal, Zettel ist anormal und sollte sich langsam mal an mich assimilieren. Das ist doch eine unsinnige Kategorie.
3David
wrote on 29 August 2010 at 19:28
Einen Apekt gibt es, der für eine moderate Kita-Pflicht spräche, daß muß auch ich als passionierter Hasser jeder Kinderverwaltung zugeben: Wenn die Kinder wenigstens ein, zwei Stunden am Tag einer gewissen Öffentlichkeit ausgesetzt wären, dann wäre es relativ gut möglich, Vernachlässigung oder Mißhandlungen zu bemerken, ohne dafür die Familien systematisch heimsuchen zu müssen. Wenn man seine Kinder im Prinzip völlig unter Verschluß halten könnte, dann wäre hingegen fast alles möglich.
4linksundliberal
wrote on 29 August 2010 at 20:56
@momorulez:
Ja, war zugegebenermaßen etwas schneller heruntergeschrieben, als ich das normalerweise tue.
Füge bei dem ersten “Knaller” gedanklich zwischen “für” und “ökonomische” ein “andere” ein. Tue ich jetzt auch im Text. Auf dem Niveau von “Marx und Keynes” habe ich leider erst dann lernen dürfen, als ich eine Schule besuchte, die ein hohes Unterrichtsniveau mit einer recht… konservativen Weltsicht verband. Vorher bewegte sich das mehr auf dem Niveau von “Text von irgendwem ohne jeglichen Zusammenhang – beurteilt das kritisch (aber bitte so, wie die Lehrer es euch vermitteln wollen)”.
Und der zweite Knaller: Erwischt. Gepatzt. Versaut. Blödsinn geschrieben. Da ersetze ich mal “normaler” durch “anderer”. Was den Sinn im Zusammenhang nicht verändert, aber etwas rausnimmt, was ich nie drinhaben wollte.
Warum ich überhaupt auf “normal” kam, sollte doch wohl klar sein. Christian betrachtet die verpflichtenden Kitas als ein Mittel, jene Personen an die Mehrheitsgesellschaft heranzuführen, die sich so völlig abgekoppelt haben, dass sie weder einen ökonomischen noch einen sozialen Weg zu den übrigen Mitgliedern dieser Gesellschaft finden, und die es vielleicht nicht einmal mehr wollen.
Was den Foucault angeht: Den empfehle ich, weil ich es selber sehr interessant fand, ihn zu lesen. Und auch daraus gelernt habe. Dass ich aber in meinen Ansichten und in dem, was ich schreibe, nicht 100% auf seiner Linie liege, sollte ja wohl auch klar sein. Insofern gilt für die Buchempfehlungen (die natürlich noch wachsen werden) das gleiche wie für meine Blogroll. Hach, das Thema ist aber nun schon echt so alt…
5linksundliberal
wrote on 29 August 2010 at 21:00
@David:
Da hast Du natürlich nicht Unrecht. Aber warum wird mittlerweile immer davon ausgegangen, dass auch Kleinkinder möglichst ganztags betreut werden sollten? Und dann noch eine Pflicht. Nee…
6Christian S.
wrote on 29 August 2010 at 21:00
Nuja, war halt ein Freud’scher. Die Mehrheitsgesellschaft definiert sich nun einmal über “Mann Frau Kind Hund” als “Ideal”, das prägt – ob man will oder nicht.
7Christian S.
wrote on 29 August 2010 at 21:01
Mit 3 ist man doch kein Kleinkind mehr.
8linksundliberal
wrote on 29 August 2010 at 21:15
@CS:
Nö. Aber über die Betreuung von Kleinkindern wird ja jetzt auch sehr heftig diskutiert:
Google
Sorry, da bin ich konservativ. Die kleinen Würmchen gehören schon in eine überschaubare soziale Umgebung. Muss ja keine Kernfamilie sein, aber Erzieherinnen mit Zeitvertrag reißen es auch nicht.
9Christian S.
wrote on 29 August 2010 at 21:19
Stimmt, geht alles bissl drunter und drüber. Ich habe aber “ab 3 Jahren” geschrieben.
10linksundliberal
wrote on 29 August 2010 at 21:21
@CS:
Hätte ich besser trennen sollen. War nicht auf dich bezogen.
11Christian S.
wrote on 29 August 2010 at 21:23
Aber das fordert die SPD auch nicht. Macht irgendwie immer weniger Sinn, Deine Begründung.
12linksundliberal
wrote on 29 August 2010 at 21:32
Die Kleinkinder kamen erst im Kommentar. Nicht im Beitrag.
13Adrian
wrote on 29 August 2010 at 23:52
“wie es etwa auch die progressiven Eltern der 70er Jahre für sich beansprucht haben, als sie die Kinder in alternativ-ökologischer Weltsicht erzogen haben.”
Äh da verwechselst Du was. Das Recht seine Kinder selbst zu erziehen, steht nur denen mit dem richtigen Bewusstsein zu.
14T. Albert
wrote on 30 August 2010 at 1:34
Pädagogen des öffentlichen Dienstes willste die Kinder nicht anvertrauen? Privaten schon? Find ich gut, wenn dann der gehobene Mittelstand zB hier in Zürich private Pädagogen massenhaft einstellt, anstatt sich bis zur Armutsgrenze von 120.000 CHF p. a. subventionierte Kita-Plätze zu genehmigen.
Das wird ja bei Euch in D-Land ähnlich sein mit Elterngeld und so.
Kindergartenpflicht ab 3 ist eine ziemlich lustige Idee, wenn man nicht bereit ist, ein Kindergartenrecht, wie ihr es habt, auch materiell auszufüllen. Aber Pflicht muss sein! Wie Arbeitspflicht. Vielleicht trete ich aus der SPD auch wieder aus. Ich weiss noch, wie Sarrazin in Berlin viel Geld aus den Schulen rausgeholt hat als Finanzsenator, und jetzt redet der von Förderung?
Da ich gerade einen Kita-Platz zu finden versuche:
Pflicht ist toll, wenn man sowieso gezwungen ist, sein Kind in die Kita zu geben, weil man Zeit zum arbeiten haben muss, damit man dem Kind was zu essen kaufen kann von dem Geld für eine 40-%- und eine 10-%- Stelle, die auch befristet sind, und irgendwelchen Gelegenheitsarbeiten. Natürlich könnten wir ganz zu Hause bleiben und gucken, was dann passiert. Was nicht geht ist, dass einer von uns immer zu Hause bleibt, wie all die MIttelstands-Muttis, die, weil ihre Männer genug verdienen, Sozialleistungen beanspruchen können, die nicht so genannt werden, aber ihr Kind unbedingt, damit es gefördert wird, weil es hochbegabt ist, in eine besondere Förderanstalt geben wollen, in der aber am besten nicht die Kinder von Putzfrauen mit Kopftuch sein sollten, die ähnliche Überlebensprobleme haben wie ich.
15linksundliberal
wrote on 30 August 2010 at 9:35
@Adrian:
Vielleicht liest Du noch mal den ganzen Satz. Der sagt nämlich genau das aus: Jeder, auch mit den seltsamsten Ansichten, sollte das Recht haben, seine Kinder auch mit so seltsamen Ansichten zu erziehen. Solange diese nicht kämpferisch gegen das GG gerichtet sind oder dem Kind objektiv schaden (wer seinem Kind etwa die Ansicht vermitteln wollte, dass mehr als 100 Kalorien am Tag zwischen 8 und 10 Jahren ausreichen, wäre sicher nicht von diesem Recht gedeckt).
@T. Albert:
Ich will keinen Zwang dazu haben, die Kinder besagten Pädagogen anzuvertrauen. Und bei Kleinkindern bin ich eben skeptisch, da würde ich eine Lösung bevorzugen, die jedem ermöglicht, ein zweijähriges Kind selbst zu betreuen.
Wenn ich ein eigenes Kind hätte, würde ich es übrigens vermutlich so oder so in den Kindergarten schicken (ab 3!), weil ich die sozialen Kontakte dort für wichtig halte. Ganztagsschule weiß ich nicht.
Das kommt noch dazu. Und ich habe an anderer Stelle schon gesagt, was ich vom Elterngeld halte: Sehr wenig.
Genau darum geht es mir aber doch: Sehr unterschiedliche Lebensrealitäten über einen Kamm zu scheren und eine Kita-Pflicht sowie verpflichtende Ganztagsschulen einzuführen, die eben auch ein Schweinegeld kosten, während nicht mal genug Kohle für diejenigen da ist, die beides für ihre Kinder wollen, ist doch Wahnsinn.
Vom “gehobenen Mittelstand” sind wir übrigens auch noch ein gutes Stück entfernt.
16T. Albert
wrote on 30 August 2010 at 10:45
Ja, keinen Zwang.
Aber der Witz ist ja, so erlebe ich das in meiner Umgebung, dass eben die unentwegt sich selbst feiernden Mittelschichtlet diese Ideen ganz toll finden, wenn sie einen Zugewinn bedeuten. Wenn ich da mal sage, dass ich das gar nicht so toll finde, mein Kind institutionell betreuen lassen zu müssen, führt das zu aberwitzigen Diskussionen, was ich dem Kind alles vorenthalten wollte.
…..Jetzt muss ich zum Kinde.
17linksundliberal
wrote on 30 August 2010 at 11:12
Diese Diskussionen wirst Du zumindest in meiner Umgebung kaum erleben. Da ist diese Skepsis weit verbreitet.
18David
wrote on 30 August 2010 at 12:48
@Karsten: Ich glaube Adrians Kommentar war Achtungsechzigerbashing: Die Ökoerzieher hatten das korrekte Bewußtsein und durften selbst ran, andere aber nicht ohne Weiteres.
Übrigens waren die sozialen Kontakte im Kindergarten nervig.
19linksundliberal
wrote on 30 August 2010 at 12:53
*kicher*
Damit fertig zu werden, dass Mitmenschen oft nerven, dabei aber auch zu lernen, dass sie auch Freude machen können, ist ja eines der Ziele einer Kindergartenerziehung.
20Alex
wrote on 4 September 2010 at 12:29
Sagt dir der Kreis der “gelben Rose” etwas?
Ich habe davon m Netz gelesen: http://vereins.wikia.com/wiki/Gelbe_Rose; http://gelbe-rose.org/;
aber sonst noch nie davon gehört.
Erscheint mir grundsätzlich interessant, bislang aber noch etwas blutleer.
21linksundliberal
wrote on 4 September 2010 at 12:46
Kein Impressum, seit April nicht mehr bearbeitet, ohne jeglichen Inhalt.
Schönes Layout, das ist aber auch schon alles.
Wobei genau diese Netzwerke ja fehlen. Der Freiburger Kreis etwa präsentiert sich ja auch etwas unnahbar (und hat seit 2005 keine Aktualisierung der Webseite mehr vorgenommen). Da scheint mir von den führenden sozialliberalen Kräften nicht wahrgenommen zu werden, dass ihre Ideen nicht wirken, wenn sie für junge Mitglieder nicht einladend dargestellt. Das wirkt alles so abgehoben, so beteiligungsarm. Das ist sehr schade – auch, wenn die Arbeit in Karlsruhe und im Justizministerium naürlich sehr wichtig und gewinnbringend ist.
22Alex
wrote on 7 September 2010 at 15:20
Ich hatte ja gehofft, dieses Netzwerk sei in liberalen Kreisen bekannter und du könntest mehr dazu sagen.
So könnte es auch eine Ein-Mann-Veranstaltung sein.
Schade.
23linksundliberal
wrote on 8 September 2010 at 11:53
Ehrlich gesagt: Davon gehe ich aus.