Eine neue Wirtschaftsordnung
In der morgigen Ausgabe der ZEIT wird diese berichten, dass die Deutschen wachstumsskeptisch geworden sind. Eine Mehrheit von immerhin 88 Prozent bezweifelt, dass unsere derzeitige Wirtschaftsordnung den Schutz der Umwelt, den schonenden Umgang mit Ressourcen oder die soziale Gerechtigkeit ausreichend berücksichtigt. Rund 70% finden, dass Umweltschutz und der Abbau von Schulden wichtiger seien als aktueller Wohlstand, und rund 80% fordern, jeder möge seine Lebensweise überdenken, ob es nicht wichtigeres gebe als wachsenden Wohlstand.
Die erste, offensichtliche Kritik an der Studie, so wie die ZEIT sie wiedergibt, ist offensichtlich: Hier werden Äpfel mit Birnen nicht nur verglichen, sondern zusammengeworfen und mit Birnen zu einem netten Obstsalat verarbeitet. Denn bei “Umwelt, Ressourcen und sozialer Gerechtigkeit” ist sicher für jeden etwas dabei, das er für wichtiger hält als schnödes Wachstum. Auch die Kombination aus Umweltschutz und Schuldenabbau macht den nüchternen Betrachter recht skeptisch. Es scheint, als seien die Fragestellungen darauf angelegt zu sein, dem Wachstum alle anderen Aspekte des Lebens gemeinsam gegenüberzustellen – und dabei kommt ganz selbstverständlich heraus, dass Wachstum und steigender Wohlstand nicht wichtiger sind als alles andere. Fehlt nur noch, dass die Studie feststellt, dass den Menschen “Gesundheit und Beziehungsglück” wichtiger sind als der neue Plasmafernseher – welche Überraschung.
Besorgniserregender ist eine andere Zahl, die die WELT aus der Studie herausgefischt hat: Weit über 70% der Deutschen könnten sich vorstellen, in einer sozialistischen Wirtschaftsordnung zu leben. Nun ist auch hier Skepsis angeraten – denn was heißt “sich vorstellen”? Verlangen sie danach, oder könnten sie damit zur Not leben? Denken sie, dass sie für sie besser wäre, oder glauben sie nur, dass sie auch nicht schlimmer wäre? Und was halten sie überhaupt für eine “sozialistische Wirtschaftsordnung”? Nordkorea? Venezuela? Die DDR? Schweden?
Wahrscheinlicher ist wohl, dass die Leute die Entwicklung, die unsere Soziale Marktwirtschaft augenblicklich nimmt, sehr kritisch sehen. Eine wachsende Schere zwischen Arm und Reich, das ist die Dauerkritik an Stammtischen, in Familien, am Arbeitsplatz und in Talkshows. Eine Schere, das muss man hinzufügen, die sich weiter öffnet, obwohl der gesamte Wohlstand innerhalb der Gesellschaft in den letzten Jahren kaum noch gestiegen, teilweise sogar geschrumpft ist. Was wiederum bedeutet, dass es den Schwächeren schlechter geht, während gleichzeitig der Wohlstand der Reichsten im Lande wächst. Eine dramatische Situation, bedrohlich für den sozialen Frieden im Lande.
Und bei diesem Thema unterscheiden sich auch die beiden Beiträge: Während der Autor der WELT hier vor allem eine Wachstumsdebatte sieht, die nun dringend geführt werden sollte (wobei sich seine Meinung, Wachstum könne kein Ziel mehr sein, deutlich erkennen lässt), zitiert die Autorin der ZEIT den kritischen Punkt, an dem sich erweist, dass die Deutschen wohl so wachstumsskeptisch doch nicht geworden sind: 82% der Deutschen halten demnach weiteres Wirtschaftswachstum dennoch für notwendig, um politische Stabilität (also wohl den sozialen Frieden) zu erhalten.
Wie es scheint, sind die Deutschen weniger skeptisch gegenüber dem Wachstum als Wirtschaftskonzept als vielmehr der Art und Weise, wie das generierte Wachstum aufgeteilt wird: Nur 33% der Befragten glauben, dass wirtschaftliches Wachstum auch ihrem eigenen Lebensstandard zugute kommen wird – und die übrigen zwei Drittel können angesichts des wachsenden Wohlstandsgefälles auch recht haben.





1linksundliberal
wrote on 19 August 2010 at 9:05
Tekepolis hat sich ähnliche Gedanken gemacht.
2genova
wrote on 19 August 2010 at 14:43
Diese Wachstumsdebatte ist doch ein theoretisch, es wird ja nicht einmal definiert, was Wachstum eigentlich ist. Rein ökonomisch betrachtet ist es doch schlicht die Erhöhung des Bruttonationaleinkommens oder BSP. “Die Leute” meinen aber eher sowas wie “immer mehr Konsum” oder ähnliches.
Nur mal als Beispiel: Wenn ich 2009 100 Kilo Äpfel gekauft habe, und zwar ausschließlich bei Aldi für 2 Euro das Kilo, und kaufe dieses Jahr wieder 100 Kilo Äpfel, aber im Bioladen für 4 Euro das Kilo, so habe ich – vereinfacht gerechnet – ein Wirtschaftswachstum von 100 Prozent.
Sind dann “die Deutschen” immer noch skeptisch gegenüber Wirtschaftswachstum?
Dass die gleichen Deutschen mittlerweile mehrheitlich gerne im Sozialismus leben würde, finde ich persönlich zwar ein sehr angenehmes Umfrageergebnis, spricht aber weniger für die wirkliche Bejahung von Sozialismus, sondern mehr für die Enttäuschung über den Kapitalismus.
Gruß
genova
3linksundliberal
wrote on 19 August 2010 at 16:37
@genova:
Dein Wirtschaftswachstumsbeispiel finde ich skurril. Denn wenn ich zwei Euro mehr für Äpfel ausgebe, habe ich doch zwei Euro weniger, die ich für etwas anderes ausgeben kann. Wo da das Wachstum sein soll? Nein, Wachstum hat schon mit einer tatsächlich steigenden Menge an Waren und Dienstleistungen zu tun.
Bei der Enttäuschung über den Kapitalismus stimme ich dir beinahe zu – würde aber “in seiner augenblicklichen Form” hinzufügen. Die Menschen waren ja lange genug mit dem Kapitalismus zufrieden, so wie er hier im Lande betrieben wurde.
Vor allem sind sie – so glaube ich – mit der Tatsache unzufrieden, dass der Kapitalismus momentan nicht mehr so “liefert”, wie er das jahrzehntelang getan hat.
4genova
wrote on 19 August 2010 at 17:03
Karsten,
ich bin kein Volkswirt, kann und will hier also nicht als Fachmann auftreten, aber wer ist das schon in dieser Sache. Jedenfalls finde die Wachstumsfrage schon lange spannend, es wird ja spätestens seit dem club of rome über die Probleme von dauerndem Wachstum geredet. Ich habe dabei genau das oben genannte Problem. Laut wikipedia definiert sich Wirtschaftswachstum wie folgt:
“Unter Wirtschaftswachstum wird die Änderung des Bruttoinlandsprodukts (BIP), also der Summe der Preise der in einer Volkswirtschaft produzierten ökonomischen Güter (Waren und Dienstleistungen), von einer Periode zur nächsten verstanden.”
Es geht also um die Preise der Güter, nicht um die Güter selbst. Das meinte ich mit meinem Beispiel. Sinnvollerweise wird die Inflation rausgerechnet, also der Teil, den die Aldi-Äpfel (also das exakt gleiche Produkt) teurer geworden wären.
Insofern habe ich immer Probleme, wenn jemand einfach so gegen “Wachstum” wettert.
Aber vielleicht liege ich mit meinem Verständnis von Wachstum auch falsch.
Zu deinen zwei Euro: Entscheidend ist doch, ob ich die ausgebe oder nicht. Lege ich sie unter mein Kopfkissen, kann ich damit kein Wirtschaftswachstum erzeugen. Gebe ich sie zusätzlich für Äpfel aus, schon.
5linksundliberal
wrote on 19 August 2010 at 19:08
@genova:
Unter dem Kopfkissen erzeugen sie natürlich kein Wirtschaftswachstum. Da die meisten sie aber stattdessen lieber zur Bank bringen… lassen wir das, es ist ja nicht der Kern dessen, über das wir reden.
Wenn wir davon ausgehen, dass die Äpfel im Bioladen hochwertiger sind, reden wir natürlich tatsächlich von Wachstum, denn dann sind höherwertige Waren erzeugt worden.
Wie auch immer – die ganze Wachstumsdiskussion ist sehr komplex, ich werde aber immer ein Freund wirtschaftlichen Wachstums bleiben, da mich die Argumente etwa des Club of Rome nicht überzeugen. Vor allem, da ihre Argumente ja so neu gar nicht sind.
6linksundliberal
wrote on 19 August 2010 at 19:13
Übrigens ebenso, wie der Kampf mancher gegen die zunehmende Automatisierung nix neues ist.
7genova
wrote on 20 August 2010 at 13:42
Und was passiert, wenn sie das Geld zur Bank bringen? Zu welchen Teilen wird die Rendite, der Zins dort in der Realwirtchaft bzw. in der Finanzwirtschaft erzeugt?
Und was ist bei einem Apfel hochwertiger? Wie misst man das?
Ob man ein Freund wirtschaftlichen Wachstums ist, hängt ja genau von diesen Fragen ab.
Allerdings habe ich schon meine Probleme mit dem Ansatz dauerhaften wirtschaftlichen Wachstums, weil ich nicht sehe, wie das in der Praxis ökologisch umgesetzt werden soll. Ökologisch betrachtet müsste man beispielsweise in Deutschland auf mindestens die Hälfte der Autos verzichten, Car-Sharing einführen, mehr Rad, Bahn etc. Für das Wirtschaftswachstum eine Katastrophe, deshalb setzt die Autoindustrie jetzt auf Elektroautos. Das wird aber nicht funktionieren, da die ökologischen Probleme nur verschoben werden. Es ist für das Wirtschaftswachstum halt am besten, wenn möglichst alle mit dem Auto durch die Stadt fahren, nicht mit dem Fahrrad.
Ökologie und Kapitalismus passen dann zusammen, wenn es um neue Technologien geht: Der Katalysator wurde seinerzeit sehr schnell eingeführt, es handelte sich ja auch um ein weiteres Teil, das produziert und verkauft werden konnte. Diese Logik lässt sich aber meines Erachtens nicht ewig weiterführen.
8linksundliberal
wrote on 20 August 2010 at 14:02
Die Ökologie ist in einer pluralistischen Gesellschaft aber eben nur ein Faktor, den man betrachtet. Einigen ist sie wichtig, anderen wachsender Wohlstand, und im Endeffekt schließt man dann Kompromisse. Auch, wenn das manchen Ökologen nicht gefällt.